Junge Erwachsene Neun Monate für ein neues Leben

Erwachsenwerden in neun Monaten: Patrycja wurde mit 15 Mutter

„Alessia!“ Mit dem Breilöffel in der Hand buhlt Patrycja Drzewiecka um die Aufmerksamkeit ihrer acht Monate alten Tochter. Doch das kleine Mädchen, das im Hochstuhl vor ihr sitzt, hat nur Augen für den Jungen, der auf Socken durch die Küche flitzt, da hilft auch der frische Grießbrei nichts. Ein ganz normaler Mittwochnachmittag in Herten-Bertlich – auf den ersten Blick. Denn die junge Frau, die hier geduldig mit ihrem Baby bei Tisch sitzt und ihm eine Scheibe Toast in die Hand drückt, ist erst 16 Jahre alt.

Gelassenheit, ein ruhiges Umfeld, Mutter-Kind- Idylle – der Weg dahin war nicht leicht. Bis zur Geburt ihrer Tochter im August 2015 hatte es Patrycjas Lebenslauf in sich. „Ich hab halt Scheiße gebaut“, sagt sie heute. Ihre Mutter verlässt sie im Kleinkindalter. Mit 12 kommt das Mädchen mit polnischen Wurzeln zum ersten Mal in ein Kinderheim, wohnt in den folgenden Jahren in sieben verschiedenen Einrichtungen. Aus jeder fliegt sie wieder raus. Mit 13 beginnt die junge Frau aus Kevelar, Drogen zu nehmen, die Schule zu schwänzen. Patrycja hat Ärger mit der Polizei, Freunde von ihr sitzen bereits im Gefängnis. Dann wird sie schwanger, mit 15. „Drei Tests hab‘ ich gemacht. Ich war geschockt“, erzählt Patrycja. Die Panik schwingt schnell in Freude um. Abtreibung kam für sie nie in Frage. „Ich wusste sofort, dass ich mein Leben ändern muss“, sagt sie. Neun Monate blieben zum Erwachsenwerden.

Patrycja sitzt im kleinen Spielzimmer mit Blick in den Garten des Christ­li­chen Jugenddorfes (CJD) in Herten- Bertlich. Seit zehn Monaten lebt sie hier, wurde in ihrem letzten Monat der Schwangerschaft, bei der Ent­bindung in der Kinderklinik in Datteln sowie in der Zeit danach 24 Stunden am Tag unterstützt. Die Schule hat sie abgebrochen, in der siebten Klasse, jetzt erst einmal ein Jahr Mutterschutz. Alessia sitzt auf ihrem Schoß, schaut aus ihren großen Augen und quengelt. „Stört es Sie, wenn ich kurz stille?“

Gelernt, was wichtig ist

Heute sagt Patrycja, Alessia habe ihr das Leben gerettet. „Seitdem ich sie habe, weiß ich, worauf es ankommt. Die Schule fertig kriegen, mit Geld umgehen, einen Beruf finden. Ich habe gelernt, was wichtig ist.“ Den Kontakt zu ihren alten Freunden und zu Alessias Vater hat sie abgebrochen. Sozialpädagogin Natalya Jost: „Wir sind wirklich sehr positiv überrascht, Patrycja hat sich zu 100% gewandelt.“ Den ersten Monat im CJD hat sie sich benommen wie eine 15-Jährige: Meckern, Türenschmeißen, alles dabei. „Nach der Geburt war sie viel ruhiger, hat viele Fragen gestellt, das Baby mit der Hebamme zusammen gewaschen und angefangen, alles selber zu machen. Als wenn sie ihre Aufgabe endlich gefunden hat.“ Dann muss Jost lachen: „Ihr Kind sieht aus wie aus der Vitrine.“

Anfang Mai hat Patrycja das Christliche Jugenddorf verlassen. Sie ist nach Geldern gezogen, in eine eigene Wohnung im Mutter-Kind-Haus, mit niedriger Betreuungsstufe. Ab August will Patrycja wieder in die Schule gehen, den Haupt- und dann den Realschul­abschluss machen. Ein Platz am Berufskolleg ist bereits organisiert. Ihr Ziel: eine Ausbildung zur Erzieherin. „Ich möchte anderen zeigen, dass es sich lohnt, für ein normales Leben zu kämpfen. Und ich will mein eigenes Geld verdienen, statt vom Amt zu leben, das ist mir wichtig.“ Ob Sie irgendwas aus ihrem alten Leben vermisse? „Nein. Ich sehe, was ich erreicht habe – und wo meine ehemaligen Freunde heute stehen. Ich bin stolz, dass ich jetzt weiß, was ich von meinem Leben will – und ich bin sicher, dass ich nicht mehr zurückfallen werde.“

Text: Raphaela Willwerth • Fotos: Marco Stepniak

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