Typisch Mann?! Kindheit hinter Schloss und Giebel

Rosy Gräfin von Westerholt über ihren Vater

Graf Egon von und zu Westerholt grinst, als hätte er das Gras zu seinen Füßen selbst gemäht, damit es nicht drüber wächst über all die Geschichten, die er noch zu erzählen hat. Rosy Gräfin von Westerholt beobachtet ihn durchs Küchenfenster. Da steht er, ihr Vater, vorm Schloss, in Bronze gegossen, den Hut tief ins Gesicht gezogen. „So war er“, sagt sie, „merk­würdig und keinen Sinn für Luxus.“

Kindheit im Krieg

15 Jahre nach seinem Tod kramt Tochter Rosy die alten Geschichten raus. Erinnerungsstücke an den Vater hat sie wenige – zwei Trophäen von seinen Rallyes, ein einziges gerahmtes Kinderfoto. Aber im Kopf, da sind noch viele Anekdoten. Über den Grafen als Vater. Und das Aufwachsen als Spross des vestischen Uradels.
Wer jetzt auf Prunk, Partys und Paläste hofft, wird bitter enttäuscht. Nicht nur, weil Rosy Gräfin von Westerholt und ihre drei Geschwister im zweiten Weltkrieg aufgewachsen sind und der Vater mit ihnen nach seiner Flucht kurz vor Ende des Krieges in ein einfaches Forsthaus bei Gelsenkirchen-Buer einzog. Sondern auch, weil die Kindheit, Stammbaum hin oder her, nach dem Umzug in ein Nebengebäude des von Engländern besetzten Schlosses wenig prunkvoll war. „Klar, machen wir uns nichts vor, man wächst in einem anderen Haus auf als andere, aber wir haben auf engstem Raum gelebt, zu viert in einem Zimmer direkt unter dem Speicher, da waren nachts manchmal Ratten. Ich habe geschrien – und die Erwachsenen, auch mein Vater, kamen mit Knüppeln, um sie zu erschlagen“, erzählt die Gräfin. Ihre Eltern lebten damals schon getrennt – 1946 lief die Scheidung, die Kinder blieben beim Vater.

Dennoch hatte der Vater, wie viele Männer seiner Generation, wenig mit der Kindererziehung am Hut. „Da wir immer Kinderfrauen um uns hatten, waren wir nie gewohnt, dass unsere Eltern sich um uns kümmern.“ Man wünschte sich einen guten Morgen und eine gute Nacht, Mittag und Abendbrot wurden nach Möglichkeit gemeinsam gegessen. Neben dem Besteck lag damals auch die Reitpeitsche griffbereit – um auf die Ellenbogen zu klapsen, wenn eines der Kinder sie beim Essen auf den Tisch legte.

„Männer waren damals Soldatentypen, echte Haudegen. Ich bin ihnen nicht böse, nach all dem, was sie im Krieg erlebt haben. Aber eine richtige Verbindung zu uns Kindern hat es nicht gegeben. Ich denke, es gab Familien, die familiärer waren“, sagt die heute 78-Jährige.

Viele Freiheiten

Natürlich gab es auch schöne gemeinsame Momente. Etwa, wenn man abends gemütlich beisammen saß oder der Vater die Kinder als Treiber mit zur Jagd nahm. Mitte der 50er Jahre fuhr Egon von und zu Westerholt mit Rosy und ihrer jüngsten Schwester Charlotte nach Italien. Im Porsche testeten
sie die Bergstrecken für eine seiner zahlreichen Rallyes. Und einmal nahm der Graf seine Kinder mit zum Adelsball. „Mein Vater ging da immer hin, die Herren trafen sich gern und tanzten. Mein erster war auch mein letzter Besuch dort. Ich liebte Basketball und Leicht­athletik – und hatte keine Lust auf dieses merkwürdige Volk“, sagt Rosy.

Generell genossen die Kinder viele Freiheiten. Als die junge Gräfin mit 24 für drei Jahre nach Asien ging, stieß die Idee trotz Gegenstimmen aus der Verwandtschaft auf väterliche Zustimmung. Der Graf, immer selbst viel gereist, hatte Vertrauen in seine Tochter und vererbte ihr neben dem Spaß am Sport wohl auch die Abenteuerlust. Jahre später reisten er, Charlotte und Rosy gemeinsam durch Kanada. „Er wollte vor allem die Natur erkunden, mein Vater liebte die Tierwelt“, sagt Rosy von Westerholt. Ein Grund, weshalb er 1968 den Löwenpark zwischen Westerholt und Gelsenkirchen-­Buer eröffnete: „Als Schnapsidee hab ich das nicht empfunden. Mein Vater fand die Idee spannend und hat’s einfach gemacht.“

2002 starb Graf Egon von und zu Westerholt im Alter von 92 Jahren. Und seine Tochter? Die sieht ihn täglich beim Blick aus dem Küchenfenster. Und manchmal, da schaut sie den Start und Schluss der Formel 1 im TV. „Denn die Rennen, die haben wir immer zusammen geguckt.“

Text: Raphaela Willwerth • Fotos: Marco Stepniak, Stadtarciv Herten, privat