Tagestipp Immer eine Idee voraus

Baurat Volker Lindner geht in den Ruhestand - eine Bilanz nach 24 Dienstjahren.

In Ihre Amtszeit fallen die Entwicklung der Haldenlandschaft und der Zechen, neue Stadtteilzentren, Radwege, ehrgeizige Verkehrsführungen, der Rathaus-Umbau – was war das spannendste Projekt?

Ganz klar: Ewald – weil es eine so umfassende Geschichte ist. Hier ging es nicht nur um einen Bergbau-Standort. Wir haben von Anfang an geplant, das gesamte Umfeld zu gestalten. Eben alles, was der Bergbau zurückgelassen hatte auf diesem riesigen Areal. Das Spannende dabei war, dass man es nicht mit einem Akteur machen konnte, sondern nur mit vielen – mit der Deutschen Steinkohle, der RAG Montan Immobilien, der Stadt Recklinghausen, dem Regional­verband Ruhrgebiet und dem Land. Das war eine so komplexe Geschichte.

Wieviel Einfluss konnten Sie nehmen?
Erstaunlich viel. Die Halde war anfangs als leicht begrünter sauerländischer Hügel geplant. Und dann haben wir gesagt: Jetzt machen wir mal eine ganz neue Form, ein ganz neues Nutzungskonzept, mit Achsen zum Schlosspark und nach Recklinghausen.

Zum Ende Ihrer Amtszeit kam jetzt die Zusage für Emscherland 2020. Schade?
Es ist schwierig, von einem solchen Lieblingsprojekt loszulassen. Aber ich freue mich, dass damit die Landschaft im Hertener Süden noch weiter ausstrahlt. Das wird fantastisch.

Wasserstoff sollte Ewald neue Energie geben, aber diese Stufe hat bis heute nicht gezündet. Oder?
Wir haben uns sehr früh positioniert. Heute sind wir als Standort in der Wasserstoff-Szene eine feste Größe. Im Moment zeichnet sich ab, dass das Mega-Thema Elektro­mobilität nicht ohne Brennstoffzelle und nicht ohne Wasserstoff funktionieren wird. Deshalb freue ich mich, dieses Thema auch künftig im H2-Netzwerk-Ruhr vorantreiben zu können.
 
Gegen welches Projekt gab es am meisten Widerstand?
Das Thema Wasserstoff war immer umstritten. Es gab auch Widerstände bei manchen Themen in der Innenstadtentwicklung, zum Beispiel bei den Rathausgalerien.

Wo konnten Sie sich nicht durchsetzen?

Beim Thema Herten Forum – also der Frage: Was wird aus dem ehemaligen Karstadt? Da war ich der Auffassung: Einzelhandel gehört da nicht rein. Dann kam ein Investor und wollte ein Kino bauen, und wir haben den Einzelhandel als Kröte schlucken müssen. Im Grunde fing damit die heutige Malaise an.

Was würden Sie heute anders machen?

Ich würde den Otto-Wels-Platz nicht mehr so ausbauen, wie wir das getan haben. Wir wollten damals eine große, freie Verkehrs- und Veranstaltungs­fläche ohne Bäume. Das hat der Gestaltung geschadet. Heute würde ich sagen: Man könnte den Platz viel grüner gestalten und die Straße schmaler, um mit dieser Anmutung den Schlosspark optisch näher an die Innenstadt heranzubringen.

Stichwort Innenstadt: Fehlt dort nicht hochwertiger Wohnraum?

Wohnungen haben wir genug in der Innenstadt. Die Frage ist: Wie kommen wir zu einer ausgewogenen Mischung? Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren Fortschritte machen werden.


In Ihrer Amtszeit sind sehr viele Wohngebiete ausgewiesen worden. Warum?

Als ich anfing, gab es viele offene Verfahren, aber wenige neue Wohn­gebiete waren planerisch zu Ende gebracht. Wir merkten, dass Leute aus Herten wegzogen, weil sie keine Grundstücke fanden. Zugleich hatten die großen Wohnungsgesellschaften wenig Interesse, Projekte voranzutreiben. Deshalb sind wir dazu übergegangen, Grundstücke zu kaufen und selbst zu entwickeln – daraus sind die Hertener Siedlungen entstanden. Übrigens nicht konfliktfrei, denn viele haben damals gedacht: Wir sind eine
schrumpfende Stadt, das brauchen wir nicht.

Die Statistik zeigt seit 2005 ein Plus von 5.000 neuen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen. Das war nicht allein auf Ewald – wo dann?

Ewald ist wichtig, aber es sind auch viele Arbeitsplätze im Gesundheits­bereich entstanden. Und im Bereich Technologie und Innovation, wenn man nur an SGS-Fresenius denkt. Diese Linie hat seinerzeit noch Karl Bockelmann forciert, und sie war für Herten langfristig erfolgreich.

Auf der Zeche Westerholt scheint die Entwicklung zu stocken. Woran liegt das?
Hinter den Kulissen tut sich mehr, als man glaubt. Wir brauchen eine Entwicklungsgesellschaft, idealerweise mit den Städten Herten, Gelsenkirchen und der RAG Montan Immobilien GmbH. Diese Konstruktion ist leider heute steuerlich nicht mehr so einfach wie früher. Aber wir haben das feste Ziel, diese Gesellschaft schnell zu gründen, weil wir damit noch vor dem Jahreswechsel den Förderantrag stellen und Mittel abrufen müssen. Wenn das Erfolg hat, könnte die RAG Montan Immobilien mit der Aufbereitung beginnen. Bis man etwas von außen sieht, wird es allerdings 2019 werden.

Was brachte das Konzept grüne Stadt?
Der Gedanke war, nicht nur Landschaft zu schützen, sondern Grünflächen mit neuen Funktionen zu belegen. Mangels eigener Mittel müssen wir stets dabei schauen, welche Partner wir dafür begeistern können. Mein Favorit für die nächsten Jahre ist die Emschergenossen­schaft: Die Umgestaltung der ehemaligen Köttelbecken wird neue, attraktive Wegeverbindungen schaffen. Man darf aber nicht vergessen: Für die Haldenlandschaft, für die Allee des Wandels und andere Projekte hat der RVR
rund 35 Millionen in Herten investiert. Wenn ich das woanders erzähle, fragen manche ungläubig: Wir haben im Ruhrgebiet 52 Städte – warum gerade bei Euch?


Wie wichtig waren die Förderprogramme für Herten?

Sehr, sehr wichtig! Es gibt immer die Verbindung von großen Projekten und Fördermitteln. Ohne Förderung wäre ein Erfolg wie Ewald nicht möglich gewesen. Das wird manchmal kritisch beleuchtet. Aber diese Förderprogramme sind da, und wir haben uns ein gutes Stück aus dem Kuchen geschnitten. Außerdem sind die Programme richtungs­weisend, mit gutem fachlichen Hintergrund – damit nicht jede Stadt ihr eigenes Süppchen kocht, sondern eine Region sich zielgerichtet und zusammenhängend entwickeln kann.


Kommt der Himmelssee noch?
Eines Tages. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie man den Unterhalt vernünftig gestalten könnte. Aber es ist immer gut, eine Idee voraus zu sein.

Das Interview führten Gregor Spohr & Stefan Prott.

Fotos: Christian Kuck, André Chrost 

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