"Ich habe mich gefühlt wie im Knast“

Inklusion: Ein facettenreiches Thema

Pling! Surrend öffnen sich die Türen des Fahrstuhls und machen den Weg frei für eine Horde Sneaker und Stöckelschuhe, die trampelnd links um die Ecke verschwindet. Kurze Stille, dann ein leichtes Qietschen. Vier Räder bahnen sich ihren Weg aus dem Stahlgehäuse und folgen den Schuhen durch breite, lichtdurchflutete Gänge. Doch schnell findet die Reise ein abruptes Ende. Die Räder kommen zum Stehen. Ein Paar Sneaker taucht auf. Klack. Die Tür zum Hörsaal wird aufgeschoben. Weiter geht die Fahrt. Doch es wartet bereits das nächste Hindernis. „Mit den Papierkörben stehe ich auf Kriegsfuß, weil ich sie immer anfahre“, sage ich, während ich mich geschickt neben die Sitzreihen manövriere. Ich bin damals 22 Jahre alt und studiere Journalismus und Public Relations an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Ich gehöre dazu und fühle mich endlich angekommen. Einfach dabei sein und frei sein, das ist es was ich immer wollte. Ich bin mit meinem Leben als Rollstuhlfahrerin auf der Überholspur gelandet. Meine Vermutung – um dort anzukommen wo man hin will muss man erst ein paar Umwege fahren. Ich sitze im Rollstuhl. Seit der Geburt lebe ich mit einer Spinalen Muskelatrophie, einer Krankheit, durch die meine Muskelkraft enorm eingeschränkt ist. „Das Laufen war mir nie möglich, aber zum Glück kann ich nichts vermissen, das ich nie kennengelernt habe. Der Rollstuhl bedeutet für mich ein Stück Lebensqualität, auf das ich nicht verzichten kann“.

2009 trat in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. Sie garantiert Menschen wie mir die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen. Eine große Rolle spielt dabei auch die Inklusion im Schulwesen. Das von der rot-grünen NRW-Landesregierung beschlossene Inklusionsgesetz ermöglicht es Eltern, ihre behinderten Kinder seit dem ersten August 2014 auf eine Regelschule zu schicken. Hier soll das gemeinsame Leben und Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung zur Normalform werden, heißt es dazu auf der Website des Schulministeriums.

Jessica Nwabuotu lächelt. Sie ist meine Studienassistentin. „Ich baue jetzt den speziellen Tisch auf und hole Block und Stift aus dem Rucksack. Ich erledige alles, was Katharina aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen nicht kann“, sagt sie.

Der Raum füllt sich langsam mit Studenten. Lange Beine schieben sich am Rollstuhl vorbei, manch einer muss auch mal den Bauch einziehen. „Heute sitze ich nicht alleine am Ende der Reihe. Es ist toll, wenn sich die Leute in den Vorlesungen zu mir setzen – darauf bin ich leider angewiesen, da ich mit meinem Rolli nur am Rand sitzen kann.“

Während der Vorlesung schreibe ich fleißig mit, auch wenn dies länger dauert, als bei meinen Kommilitonen. Manchmal habe ich auch meinen Laptop dabei. Damit klappt das Schreiben besser.

Die anfängliche Konzentration im Vorlesungsraum weicht mit der Zeit einer wachsenden Geräuschkulisse, die wie eine Welle aus den hinteren Reihen nach vorne schwappt. Als ich die Hand hebe und zu sprechen beginne, ist meine Stimme anfangs kaum hörbar. Schnell verstummen jedoch auch die letzten Gespräche der Studenten. Jetzt habe ich die ungeteilte Aufmerksamkeit des ganzen Raums. „Es kommt eher selten vor, dass ich etwas sage, da mir bewusst ist, dass ich mit meiner Stimme gegen eine laute Geräuschkulisse nicht ankomme. Also schweige ich meist und höre zu. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich nichts zu sagen hätte“.

Text: Katharina Bischoff • Fotos: André Chrost

Nach der Vorlesung fahre ich langsam ins Sekretariat. Hinter der hohen Theke herrscht ein geschäftiges Treiben. Telefone klingeln, Tastaturen klacken, der Drucker summt. Ich nutze die Liftfunktion meines speziell für mich angefertigten Rollstuhls. Mit einem Surren schiebt sich die Sitzschale immer höher. Jedoch nicht hoch genug. Ein paar blonde Haare ragen nun über die Theke hinaus, mehr ist von mir nicht zu sehen. Die Sekretärinnen arbeiten unbeirrt weiter, bis ich zu sprechen beginne und endlich wahrgenommen werde. „Es ist nicht so toll, wenn man nur gehört, aber nicht gesehen wird“.

Tobias Grunwald ist Ansprechpartner für alle behinderten Studenten der Westfälischen Hochschule und kümmert sich darum, diese Barrieren zu beheben. „Es hat sich bereits Vieles getan. Bauliche Maßnahmen wie die Fußbodenleitsysteme für Sehbehinderte oder die neuen Behindertenparkplätze direkt vor dem Gebäude wurden erfolgreich fertig gestellt.“ Auch der Nachteilsausgleich, wie zum Beispiel ein Zeitbonus bei Klausuren, solle den behinderten Studenten das Studium erleichtern.

„Durch die Unterstützung fühle ich mich an der Hochschule sehr wohl. Mittlerweile werde ich von den anderen auch immer mehr akzeptiert“. An meine Schulzeit denke ich nur ungern zurück. „Die beste Zeit hatte ich in der Grundschule. In unserer integrativen Klasse gab es 20 Normalos und fünf Kinder mit Handicap. Da war der Rolli nie ein Thema und ich gehörte dazu.“ Mit dem Schulwechsel kam jedoch die Zeit, auf die ich gerne verzichtet hätte. „Acht Jahre habe ich auf einer Körperbehindertenschule abgesessen und mich dabei gefühlt wie im Knast. Ich saß in einem kleinen Kuhdorf fest, fernab von meinen Freunden.“ Zwischen den teils auch geistig behinderten Mitschülern fühlte ich mich fehl am Platz. Danach wechselte ich für das Fachabitur zu einem Berufskolleg. „Plötzlich gab es da dieses Schweigen, die Barriere, die ich vorher nicht kannte“, erinnere ich mich. „In der normalen Klasse war ich immer der Sonderfall - gefangen auf meinem Platz. Niemand wusste mit mir umzugehen.“ Erträglicher wurde die Zeit, als ich ein neues Ziel ins Auge fasste – das Studium.

Endlich bin ich angekommen. Hier kann ich kreativ sein und das macht mir großen Spaß. „Es gibt so viel zu entdecken. Für mich bedeutet Inklusion, dass ich dazugehöre und so aus dieser Sonderrolle herausrücke. Ich kann das erleben, was andere auch können“, betone ich, während ich meinen Rolli durch die Flure lenke“. Draußen wird es bereits dunkel. Auch Assistentin Jessica Nwabuotu ist müde. Sie betätigt den Knopf des Fahrstuhls. Pling! Mit einem Surren öffnen sich die Türen. Ich schiebe den Joystick nach vorne. Ein leichtes Quietschen. Vier Räder setzen sich in Bewegung und verschwinden im Stahlgehäuse.

Info:

Projekt Inklusiver Stadtteil Herten-Süd: Beleben. Besuchen. Dabei sein.
Ein Gemeinschaftsprojekt von: AWO Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen, Süder Grundschule, PROSOZ Institut für Sozialforschung und RDN Verlag, gefördert von der Aktion Mensch.

Koordination: Stephanie Galla, Lea Bialkowski OGS Süder Grundschule
In der Feige 192
45699 Herten
Tel.: 02366 303894
E-Mail: s.galla@remove-this.awo-msl-re.de