Hertener Visionär der Wasserstoff Technologie

Wie der Wasserstoff nach Herten kam

Den sarkastischen Rat des einstigen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, bei einer Vision den Arzt aufzusuchen, hat Volker Lindner konsequent ignoriert. Beim Ex-Stadtbaurat würde „Schmidt Schnauze“ – wie ihn Freunde und Gegner fast anerkennend nannten – möglicherweise gar ein „Syndrom“ diagnostizieren. Denn: Bereits seit 20 Jahren treibt Volker Lindner die Vision um, dass Wasserstoff ein wichtiger Energieträger der Zukunft sein könne. Der Diplom-Ingenieur für Architektur und Städtebau, der seinerzeit wie der einsame Rufer in der Wüste wirkte, sagt heute: „Damals war es allgemein noch kein Thema. Damit beschäftigten sich zunächst Insider, unter dem Gesichtspunkt der schwindenden Rohstoff- Ressourcen.“ Inzwischen habe sich der Blick geweitet: Zu Fragen der Rohstoff- Knappheit hätten sich Klimaaspekte hinzugesellt. Nur mit vermehrtem Einsatz dieser Kraftstoffquelle – darin sind sich Volker Lindner und Wisseschaftsministerin Anja Karliczek einig – „wird die Energiewende gelingen“.

Wasserstoffstadt Herten
Der Chef der AGR Gruppe, Joachim Ronge, würdigt den Pioniergeist und die Hartnäckigkeit des 65-Jährigen: „Herr Lindner hat früh die Sinnhaftigkeit der Zukunftstechnologie erkannt. Trotz mancher Rück- und Nackenschläge hat er die Wasserstoff-Aktivitäten unbeirrt vorangetrieben.“ AGR will ab Mitte 2022 mit einer eigenen Produktion von grünem Wasserstoff zur Dekarbonisierung von Logistik und Industrieprozessen bei­tragen. Mit dem Wasserstoff-Thema schreibt Herten längst eine Erfolgs­geschichte. Aus dem Zukunftszentrum zog das Miniteam um Dieter Kwapis im Oktober 2009 ins Anwenderzentrum (AWZ) auf Ewald. Dank interessierter Firmen platzt das AWZ aus allen Nähten. Ein Erweiterungsbau steht an. Lindners frühes Engagement für Wasserstoff speiste sich aus der Überzeugung, Arbeitsplatz-Potenziale zu aktivieren. Sein damaliges Credo: „Wer in zehn Jahren Arbeitsplätze in der Wasserstoff-Wirtschaft haben will, muss heute anfangen, sie zu fördern.“ So hat sich das Unternehmen Asahi Kasei mit einer Filiale angesiedelt. Weltweit beschäftigen die Japaner 35.000 Mitarbeiter. Von Herten aus wollen die Asiaten ihre Elektrolyse- Aktivitäten in Europa vorantreiben.

Ruf aus dem Land der Mitte
Volker Lindner reicht es nicht, Herten als Wasserstoff-Mekka profiliert zu haben. Er hat – um im Schmidtschen Bild zu bleiben – wichtige Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft infiziert. Um Verbündete aus der Region zu gewinnen, gründete er für die Stadt Herten 2009 das „h2-netzwerk-ruhr e.V.“. Aus dem Verein mit sieben Mitgliedern ist in zehn Jahren ein gefragter Gesprächspartner für die Politik in Bund und Land geworden. Der Verein ist auf 47 Mitglieder angewachsen. Jüngstes Kapitel in Hertens Erfolgsgeschichte ist ein Ruf aus China. Das Interesse an Volker Lindners Expertise ist nicht völlig neu. Auf Initiative der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat er seit 2010 als Städtebau- Fachmann chinesische Regionen im Strukturwandel beraten, die vor ähnlichen Problemen stehen wie das Ruhrgebiet in den 80er Jahren. Aktuell sind Wissen und Erfahrungen zum Thema Wasserstoff gefragt. Für die Stadt Changzhou im Yangtse-Delta entwickelt der Hertener Experte eine Strategie zum Aufbau einer industriellen Fertigung von Equipment rund um die Zukunftstechnologie. Zum Auftrag gehört: Erkundung des Marktes, Feststellung des Flächenbedarfs, Qualifizierung des Personals und Marketingaktivitäten. Aus dem Visionär und Pionier ist der Exporteur Volker Lindner geworden – Helmut Schmidt zum Trotz.

Text: Michael Polubinski, Foto: Marco Stepniak