Video „Ganz normaler Ultralauf“

Das Interview mit Bürgermeister Fred Toplak

Herr Bürgermeister, lieben Sie Herten?
Liebe ist für mich ein Zeichen einer Beziehung. Wenn ich wirklich von Liebe spreche, rede ich von meiner Frau, von meinen Kindern. Im weitesten Sinne können wir sagen: Ich liebe auch Herten.
Lieben Sie Ihren Beruf als Bürgermeister?
Ich würde das eher Leidenschaft nennen. Ich habe mich entschieden, Bürgermeister zu werden, weil ich eine Leidenschaft dafür habe, Dinge zu gestalten, Dinge zu verändern und letztlich zum Positiven zu bringen. Deswegen kann ich sagen: Ich bin mit Leidenschaft in diesem Beruf angekommen.
Sie sind jetzt fast zwei Jahre im Amt.
Wie zufrieden sind sie mit dem, was Sie erreicht haben?
Ich bin sehr zufrieden! Schon vom ersten Tag im Amt an hat sich vieles verändert. Auch Dinge, die schon früher hätten angegangen werden können, kommen nun in Bewegung. Die Veränderung der Verwaltungsstruktur, eine Neuaufstellung des Zentralen Betriebshof und die Neugründung des Hertener Immobilienbetriebes – das sind Themen, die für Stadt und Verwaltung wichtig sind.
Was sehen Sie als konkrete Erfolge?
Sehr wichtig war aus meiner Sicht die Verhinderung der Erhöhung der Grundsteuer B, was durchschnittlich pro Steuerzahler 64 Euro ausmacht. Ich finde: Das ist viel Geld, wenn man es ins Verhältnis zu dem setzt, was man an Steuern bezahlt.

Hätten Sie sich den Job als Bürgermeister leichter vorgestellt?
Leichter? Nein. Aber anders. Ich hätte mir schon gewünscht, dass es mehr um die Sache geht. Ganz viele Entscheidungen sind letztendlich gegen mich getroffen worden und nicht gegen die Sache. Vieles hätte man ganz anders entscheiden können. Das nehme ich ein Stück weit persönlich.
Müssen Sie nicht mehr für die Umsetzung Ihrer Ideen werben?
Seriös werben heißt: mit Fakten überzeugen. Die Fakten haben beim Jobcenter für die Gartenstraße gesprochen. Jetzt kommt im Nachhinein die große Diskussion, weil Kaufleute und Einwohner um Parkplätze bangen. Man nimmt sich die einzige Möglichkeit, wo man im Bereich der Innenstadt noch gestalten kann. Ich persönlich hätte mir hier eine Verbindung mit dem Integrierten Handlungskonzept zur Innenstadt­entwicklung gewünscht.
Wenn man immer mit dem Kopf gegen die Wand läuft, ist man dann nicht irgendwann resigniert?
Sie nennen das „Kopf gegen die Wand“. Für mich ist das ein ganz normaler langer Ultralauf. Wenn Sie sich ein langes Ziel gesetzt haben, gibt es zwischendurch immer eine Phase, in der Sie müde werden. Ich behalte mein Ziel trotzdem im Auge. Es gibt eine Reihe von Mitstreitern, die Veränderung möchten – innerhalb der Verwaltung, der Politik und der Bürgerschaft. Die gilt es für mich, in den kommenden zwei Jahren zusammen­zubringen. Am Ende des Tages möchten alle das Gleiche: nämlich eine positive Veränderung für die Stadt.
Viele Bürger haben Sie gewählt, weil sie etwas Neues wollten. Heute fragen sich manche: Wofür steht Fred Toplak?
Ich stehe nach wie vor für Veränderung. Was sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren in Herten aufgestaut hat, ist eine ganze Menge an neu zu bewertenden Punkten: Wie geht man um mit Geld? Wie mit dem Haushalt? Wie geht man um mit Serviceleistungen? Da sind so viele Dinge in Schieflage geraten – das wird mich noch lange begleiten. Jede Veränderung bringt positive Entwicklung. Zum Beispiel bei den Gewerbesteuer­einnahmen: Die sind in anderthalb Jahren um geschätzt zehn Millionen Euro gestiegen. Ich bin mir sicher, dass wir das intensivieren können.
Was bewerten Sie als die größten Erfolge in der Wirtschaftspolitik?
Wir verspüren ein hohes Interesse, in Herten zu investieren. Wir haben jede Woche neue Anfragen nach Flächen oder Gebäuden. Beim An­wenderzentrum sind wir begeistert über Anfragen aus Japan oder China. Zum Sommer werden wir erste Erfolge vermelden können.
Man hört immer, dass Sie eine Partei gründen. Was ist da dran?
Das ist entschieden. Wir treffen im Moment die Vorbereitungen – Satzung, Grundsatz­programm, alles was dazugehört. Wenn das fertig ist, werde ich an die Öffentlichkeit gehen und sagen: Dafür stehen wir, dafür stehe ich.
Warum glauben Sie, dass eine neue Partei nötig ist?
Ich bin mir sicher, dass wir in 2020 eine komplett andere Aufteilung der Mehrheiten haben werden. Wir werden mit einer neuen Partei so gefestigt in den Rat einziehen, dass unsere Mit­wirkung maßgeblichen Einfluss auf alle Ratsentscheidungen haben wird. Auf diese Art verschaffe ich mir die Rückendeckung für die Themen, die mir wichtig sind.
Jeder fünfte Bürgermeister in NRW ist parteilos, viele mit Erfolg. Was würde sich durch eine Parteigründung ändern?
Die heutige Situation ist das Ergebnis der politischen Verhältnisse der letzten 70 Jahre, in denen keine der etablierten Parteien es geschafft hat, die Mehrheit der SPD im Rat zu verhindern, zu unter-brechen oder eine Koalition zu erzwingen. Für den Rat einer Stadt wie Herten ist es nicht länger vertretbar, dass eine einzige Partei – egal wie sie heißt – quasi alleine bestimmt. Ich bin überzeugt, dass sich ab 2020 mindestens zwei, eher drei Parteien zusammentun müssen, um ernsthafte Veränderungen umzusetzen.
Wofür könnte Ihre Partei stehen?
Entscheidungen müssen lokal, für den Bürger getroffen werden. Politisches Schubladendenken hilft dabei nicht. Ich glaube, dass die Bürger in den vergangenen Jahren zu wenig in politische Entscheidungen einge­bunden wurden.
Keine Partei ohne Programm.Ihre Schwerpunkte sind mir nicht klar.
Das Grundsatzprogramm will ich erst im Sommer erörtern. Ich will mir jetzt erst eine Basis verschaffen. Die Partei soll getragen werden von Qualifikation und Kompetenz. Von Personen, die schon lange in Herten leben und sagen: Wir möchten gewisse Dinge anders machen, wir möchten uns beteiligen.
Ein Satz aus Ihrem Programm, bitte!
Wie gesagt: Das Programm stelle ich im Sommer vor. Wir werden uns breit aufstellen – es wird beispielsweise um das Thema familienfreundliche Stadt gehen. Um die Verbesserung der Einnahmeseite der Stadt, die Erhöhung der Attraktivität des Standortes Herten. Bereits ansässige Unternehmen sollen gestützt, neue Unternehmen hierhergeholt werden, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. 
Die Machtkämpfe bei den Piraten oder der AfD haben gezeigt, wie instabil neue Parteien sind. Wie können Sie sicherstellen, dass die Leute wissen, was sie bekommen?
Wir sind in einer langen Entwicklungsphase und versuchen genau darzulegen, wo die Reise hingehen soll. Dafürsuchen wir Personen, die dieses Projekt durch ihre Kompetenz mit Leben erfüllen, ergänzen, bereichern wollen. Ich stoße das nur an – aber getragen werden muss es von vielen Leuten, die sich zusammentun und sagen: Das ist der Weg, den wir gemeinsam gehen wollen.
Wo sehen Sie Stimmenpotenzial? Werden Sie in Gefilden der AfD fischen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wähler, die wir erreichen werden, aus vielen Bereichen kommen werden.Wir werden für positive Veränderung und echte sachbezogene Politik stehen. Eines ist aber klar: für Extremisten ist bei uns kein Platz. 
Wer gehört zum Gründerkreis?
Namen werde ich jetzt noch nicht nennen – noch sind wir in der Entwicklungsphase. Es wird noch bis zum Sommer dauern, bis sich die Basis der Öffentlichkeit stellt.

Das Interview führte Stefan Prott.