Typisch Frau?! Enge Bindung lebenslang

Hertens ehemaliger Bürgermeister Willi Wessel erzählt aus dem Leben seiner Mutter

Ihre Tränen hat er bis heute nicht vergessen.15 Jahre war er damals alt, der Koffer war gepackt, er wollte fort von Zuhause. Schlechte Zeiten in der niedersächsischen Heimat. Im Ruhrgebiet lockte der Bergbau mit Arbeit und Geld – fast 200 Kilometer entfernt. Wenn Willi Wessel von seiner Mutter erzählt, blickt er weit zurück. Karoline Sophie Neddermann, genannt Sophie, wurde 1906 geboren. „Ihre Eltern hatten einen kleinen Bauernhof“, sagt Hertens langjähriger Bürgermeister, „es gab vier Schwestern und einen Bruder.“ Schon als Kinder haben alle auf dem Hof und im Haushalt schwer mit angepackt. Den Hof übernahm der Bruder, die anderen mussten sich Arbeit suchen.

Mutter von sieben Kindern

Trotz aller Abschiedstränen im Jahr 1952: Die Mutter konnte die Entscheidung ihres Jungen nur zu gut verstehen. „Sie selbst ging im Alter von 14 Jahren im Anschluss an die Schulzeit nach Essen-Steele, war dort in Stellung bei einer jüdischen Familie“, weiß Willi Wessel. Zum Ende der Inflation konnten sich die Arbeitgeber kein Personal mehr leisten. Sophie zog heim zu ihrer Familie und lernte Wilhelm Wessel, Willis Vater kennen: „Die beiden heirateten und zogen nach Diepenau, einen der Nachbarorte.“ Aus ihrer Zeit als Dienstmädchen habe sie den Kindern oft erzählt, erinnert sich der 80-Jährige bis heute. Er ist als Viertältester von sieben Geschwistern aufgewachsen. Ein Bruder starb bereits als kleines Kind, „das hat Mutter ein Leben lang traurig gemacht.“ Die Bindung zur Mutter war eng, bei allen Geschwistern: „Unser Vater war kaum daheim, hatte Arbeit im Umland, teil­weise bis zu 40 Kilometer entfernt.“ In einer Zeit, in der man seine Wege noch überwiegend zu Fuß zurück­legte.

Märchenstunde am Abend

„Wir haben Zuhause immer zusammengehalten“, betont Willi Wessel. Helfen im Garten – „eine Selbstverständlichkeit für uns Kinder!“ Freizeit und Abwechslung waren rar auf dem Land. Heimelig dagegen die gemeinsamen Abende: „Da wurde das Märchenbuch herausgeholt oder man saß zusammen und erzählte“, erinnert sich Hertens jetziger Ehrenbürger. 

„In der Adventszeit haben wir gemeinsam gebacken.“ Teilweise war die Mutter vor dem Weihnachtsfest nächtelang auf, nähte und strickte, „damit jeder von uns etwas unter dem Baum vorfand.“

Eine besondere Anstrengung im Alltag: Die Wäsche über dem Waschbrett, „ich half Mutter beim Wringen aus dem kalten Wasser, eine höllische Arbeit“, sagt Willi Wessel. Sein erstes großes Geschenk vom Lehrlingsgehalt: „Eine Miele Waschmaschine und eine Wäscheschleuder.“ Die Familie war bereits wieder zusammen, war dem jungen Berglehrling ins Ruhrgebiet gefolgt. Auch Vater und Brüder fanden auf der Zeche Arbeit. Die Geschwister heirateten und zogen fort, Willi Wessel heiratete und seine Frau zog ein ins Haus der Familie. „Meine Mutter war eine liebevolle Oma“, so hat Willi Wessel es erlebt, „nicht nur für die drei Enkel im eigenen Haus.“ Urlaub habe sie sich nie gegönnt. „Aber sie fuhr regelmäßig zu meinem Bruder und seiner Familie nach Franken“, führt er aus, „anfangs allein mit dem Zug, später haben wir sie im Auto begleitet.“

Das Lebensmotto seiner Mutter: Arm könnt ihr sein, aber sauber muss man sein. „Dieser Leitsatz hat mich von klein auf geprägt“, da ist sich Willi Wessel sicher. Er zeigt ihren Willen, Schwierigkeiten entschlossen zu begegnen. Der Hertener Politiker weiß genau: „Meine Mutter hat meine Karriere von Anfang an unterstützt.“ Wie stolz war sie, als der Sohn Bürgermeister wurde! 

Seine ersten anderthalb Amtsperioden durfte Karoline Sophie Wessel noch miterleben. Sie starb am 9. Juni 1983. 

Text: Dr. Ramona Vauseweh • Fotos: Dr. Ramona Vausweh, privat

Info

Willi Wessel

Reener Straße 35
45701 Herten-Langenbochum