"Bloß nicht schludern"

Kunst und die Frage nach der beruflichen Freiheit

„Ach, Sie singen, schreiben, malen - wie hübsch, haben Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht…?“ Wie oft freischaffende Künstlerinnen und Künstler diese Reaktion zu hören bekommen, lässt sich vermutlich kaum in fassbaren Zahlen ausdrücken. Dabei gehört nicht nur Talent dazu - das zwar auch, logisch -, aber vor allem: Disziplin. Wer arbeitet, was er oder sie zu tun liebt, fühlt sich zwar frei und kann genießen, was getan werden muss.

Aber - und das weiß Ingrid Holtschulte-Urginus als Hertener Malerin mit einer Galerie auch in Recklinghausen nur zu gut - Arbeit ist Arbeit und kostet Energie, Emotionen und bedarf einer sorgsamen Vorbereitung. Die Künstlerin überlässt bei ihren Werken nichts dem Zufall - ganz gleich, ob sie realistisch und detailgetreu malt, abstrakt, impressionistisch oder wild, auf Leinwand oder Seide, in Öl oder mit Acrylfarben, mit Pastell- Bleistift oder Kohle… die Liste der Werkzeuge und Plattformen ist lang, ja. Aber der Antrieb ist einzigartig: „Ich habe schon als kleines Kind gemalt und mir beim Erwachsenwerden eine strikte Disziplin angeeignet, mit einem strukturierten Tagesablauf - mir war immer klar: Bloß nicht schludern!“

Interviews werden genauso vorbereitet wie Termine, und erst recht wie Gemälde. „Man muss sein Handwerk beherrschen“, so die Künstlerin. „Und man darf nie aufhören zu studieren, zu lernen.“ Die Inspiration ist überall - für Malerinnen wie Ingrid Holtschulte-Urginus war auch der Alltag mit drei Kindern und der Arbeit ganz schlicht „einfach eins“, das gehörte immer zusammen. Sie lächelt bei der Erinnerung: „Als die Kinder klein waren, gehörte Malen und das Erlernen der Techniken zu unserem Leben wie die Luft zum Atmen. Die Kinder haben gelernt, wie das funktioniert, ohne das zu merken.“

Das ist ja oft die schönste Kunst - wenn die Mitteilung, die Botschaft in einem Verhalten, einem Werk, einer Nachricht unbewusst verinnerlicht wird. Wenn Menschen Bilder betrachten und der Anblick sie rührt. Nicht nur, weil es vielleicht die Stadtansicht ihrer Heimat oder die heimliche Sehnsucht nach dem Meer ist. Sondern weil das Motiv sie im Innersten berührt. „Als Vestische und Hertener Heimatmalerin halte ich bekannte Szenen und Stadtmotive fest, ja“, erklärt die Malerin. „Aber ich fertige auch Auftragsarbeiten an von längst vergangenen Familienerinnerungen, von Elternhäusern zum Beispiel.“ Wenn die zum ersten Mal enthüllt werden, sind Tränen der Rührung an der Tagesordnung.

„Anders sieht das bei den zeitkritischen Bildern aus.“ Da sind es eher die Tränen des Frusts, die aus den Werken sprechen - Kinder, die verloren zwischen Spielzeug und Fernseh-Verblödung nach der Aufmerksamkeit der Eltern suchen, und Frauen, die reduziert werden auf die alten Rollenmodelle, gibt es ebenso in Ingrid Holtschulte-Urginus’ Werken wie die bildliche Darstellung der alten Bettina-Wegner-Ballade: „Sind so kleine Hände“. Und da hört es nicht auf: Die Hertener Malerin arbeitet nicht nur darstellend, sondern auch kleidsam. „Bilder zum Anziehen“ auf Blusen, Parkas, Blazern und mehr gehören zu ihren Kollektionen - alles Einzelstücke natürlich.

Arbeit ist das halbe Leben? In Ingrid Holtschulte-Urgninus’ Fall nicht. Arbeit ist das ganze Leben. Aber diese Arbeit lebt. Und wird gelebt, geliebt.

Text: Mareike Graepel • Fotos: André Chrost, privat 

Info:

Galerie Holtschulte

Uhlandstr. 49

45699 Herten

02366-81638

 

Königswall 2

45657 Recklinghausen

02361-483870

www.holtschulte-urginus.de

holtschulte-urginus@gmx.de