"Nur zu, nur zu!"

Die Hertener Bürgerstiftung gibt Kindern eine Zukunft

Ein ganz normaler Donnerstagvormittag auf dem Hof Wessels: Eine Gruppe kleiner Kinder tapst vorbei an bunten Blumen über das Gartenland. Auf dem Spielplatz nebenan spielt ein Vater mit seinem Kind, während vom Wintergarten aus Gäste beim Frühstück in die herbstliche Landschaft blicken. Der 2003 eröffnete Hof ist ein Stück Natur und Bauernhof-Idylle in der Stadt – und das Aushängeschild der Hertener Bürgerstiftung. Tausende Kindergarten- und Grundschulkinder erleben hier beim Pflanzen, Ernten oder beim Pflegen von Tieren das Garten- und Landschaftsjahr. Für einige Jugendliche und junge Erwachsene ist der Hof eine zweite Chance nach dem Abbruch von Ausbildung oder Schule. Im Sinne des Stiftungsleitworts „Kindern eine Zukunft geben“ lernen sie auf dem Hof Arbeit neu kennen und können zum Teil parallel ihren Schulabschluss nachholen. Auch sieben ehemalige Langzeitarbeitslose haben hier aktuell die Möglichkeit, sich wieder in das Arbeitsleben einzufinden.

Zahlreiche Projekte
Etwas abseits, im ehemaligen Wohngebäude des Hofs, liegt das Büro der Bürgerstiftung. Jutta Haug, Vorstandsvorsitzende, kümmert sich hier zweimal in der Woche zusammen mit Heidemarie Schumann, Gerd Grammann, Rolf Pröpper, Herbert Lütz und Ernst zur Nieden um die Belange der Stiftung. „Wir übernehmen hier ehrenamtlich die Administration“, sagt sie. Zu tun gibt es genug, denn neben dem Hof Wessels gibt es weitere Stiftungsprojekte wie den Quadrat­kilometer Bildung (km2), die organisiert sein wollen. Bei km2 erhalten Vorschulkinder durch Angebote wie Vorlesegruppen oder Bewegungs­training gezielte Förderung vor dem Schulstart und darüber hinaus. 2009 in Herten-Süd begonnen, gibt es das Projekt seit diesem Jahr in allen Hertener Grundschulen. Auch das Quartiersbüro in Herten-Süd und „Süd erleben“, das den Stadtteil positiv verändern soll, sind Projekte der Hertener Bürgerstiftung.

Unzählige Stunden für die Stiftung
Seit 20 Jahren gibt es die Stiftung. In dieser Zeit hat sie auch Tiefpunkte überwinden müssen: 2015 ging die zugehörige Hof Wessels gGmbH in die Insolvenz. Zum gemeinnützigen Unternehmen gehörte damals unter anderem die Gastronomie, die sich als verlustbringend erwies. „Das ging hinten und vorne nicht“, erinnert sich Jutta Haug. Regelmäßig habe das Geld für Gehälter gefehlt, was für Jutta Haug und ihre Mitstreiter unter Anstrengungen das Einwerben von Spenden bedeutete. „Dafür habe ich auch Kritik einstecken müssen“, sagt sie. „Viele haben nicht nachvollziehen können, dass das Geld in die Gastronomie ging.“ Mit der In­solvenz und dem anschließenden Verpachten der Gastronomie ließen sich schließlich Schaden vom Hof als Bildungseinrichtung und Gefahr für die Stiftung insgesamt abwenden. Das Ende der Krise bedeutete auch, dass die unzähligen Stunden, die Hertenerinnen und Hertener ehrenamtlich in die Bürger­stiftung bis heute investiert haben, nicht vergebens waren. Menschen wie der ehemalige Bürgermeister Willi Wessel, der mit Kontakten und Handarbeit maßgeblich zur Restaurierung des Hofes beigetragen hat. Oder die erste Stiftungsvorsitzende Dr. Elisabeth Nilkens, die für ihr Wirken den Hertener Bürgerpreis erhalten hat. Oder Gertrud Fleischmann, die sich über 18 Jahre an verschiedenen Stellen der Stiftung eingebracht hat und zeitweise sogar die Geschäfte des Hofes führte.

Spenden ermög­lichen Betrieb
Auch heute gibt es zahl­reiche Menschen, die sich auf vielen Wegen für die Bürgerstiftung einsetzen, beispielsweise die Aktiven im Stiftungsrat mit Michaela Schönig an der Spitze. Finanziell sind es – neben den aktuell 144 Stifterinnen und Stiftern, durch die das Stiftungskapital zusammengekommen ist – vor allem Spenden, die den Betrieb der Stiftung ermöglichen. Die kommen von Institutionen wie der Freudenberg- Stiftung, die einen großen Teil von km2 in der Süder Grundschule finanziert, oder von Prosoz, der Vivawest-Stiftung, der Evonik- Stiftung, den Hertener Stadtwerken, der Sparkassen- Stiftung und weiteren. Die Zusammenarbeit mit Institutionen wie Jobcenter oder Rebeq ermöglicht Angebote in der beruflichen Bildung. Seit 2011 gibt es zudem den von Gregor Spohr geführten Freundeskreis Hof Wessels, der über die Jahre 80.000 Euro für die Arbeit auf dem Hof gespendet hat. Die Erträge aus dem Stiftungskapital allein sind in Zeiten niedriger Zinsen nicht ausreichend. Ob finanziell oder durch Zeit und Engagement: Die Hertener Bürgerstiftung freut sich über Unterstützung. „Stiften, spenden oder arbeiten: Wir haben überall Bedarf“, sagt Jutta Haug. „Wer vorhat, sich einzu­bringen: nur zu, nur zu!“

Text: Jonas Alder, Fotos: Markus Mucha