Wir sehen die Verantwortung

Kita, Sprachförderung, OGS: Beigeordneter Dr. Karsten Schneider über die Bildungspolitik in Herten

Stefan Prott: Sie sind in Herten aufgewachsen und 2018 – nach über 25 Jahren und beruflichen Stationen in Bremen, Düsseldorf, Kassel, Berlin – in Ihre Heimatstadt zurückgekommen. Wie hat sich Herten in diesem Zeitraum verändert?

Dr. Karsten Schneider: Ich nehme wahr, dass die Stadt heute viel freundlicher wirkt. Wenn ich auswärtigen Freunden unseren Park und die beiden Schlösser zeige, dann staunen die Bauklötze. Und wenn Sie sich anschauen, was wir hier an ehrenamtlichem Engagement haben, ist das herausragend. Ich glaube, das Ruhr­gebiet und speziell Herten verkauft sich oft unter Wert. Statt nur auf die Problem­bereiche zu schauen, ist es wichtig zu sagen: Was sind unsere Stärken?

Also wünschen Sie sich mehr Zuversicht?
Wir haben in Herten immer noch in vielen Bereichen eine positive Grundstimmung. Wenn wir das nicht halten, dann kippt uns das System irgendwann. Deshalb ist es wichtig, nicht Dinge zu beklagen, die wir kurzfristig nicht ändern können. Wir müssen uns auf das Machbare konzentrieren. Wenn wir uns als Stadt neu orientieren wollen und ein neues Profil gewinnen wollen, dann kann der Ansatz meiner Meinung nach nur sein: Wie attraktiv sind wir als Stadt für junge Familien?

Welches Thema ist Ihnen in der Bildungspolitik am wichtigsten?
Das Hauptthema ist sicher, Kita-Plätze zu schaffen! Außerdem ist es wichtig, sich die ganze Biographie eines Kindes anzuschauen, und da, wo es sich an­bietet, rechtzeitig zu intervenieren. Dabei müssen wir besonders die Übergänge in den Blick nehmen – von der Kita zur Grundschule, von der Grundschule zur weiterführenden Schule. Wir sind die erste Stadt in Deutschland, die an jeder Schule eine Stelle eingerichtet hat, die diese Über­gänge aktiv begleitet.

Sprechen wir über die Kita-Situation. In Herten gilt per aktueller Beschlusslage eine Quote von 40 Prozent für die U3-Betreuung. Reicht das?
Nein, de facto reicht das nicht. Wir haben heute schätzungsweise schon einen Bedarf von 80 Prozent, aber wir arbeiten noch mit der gesetzlichen Quote, die bei 40 Prozent liegt. Wir brauchen definitiv mehr Plätze im U3-Bereich.

Zum Schulstart fehlen in Herten 250 Kita-Plätze. Was kann die Stadt kurzfristig tun, um diesen Mangel zu lindern?
Ich glaube, wir sind relativ gut darin, berufstätigen Eltern den Alltag zwischen Kindern und Beruf zu erleichtern. Ich erinnere da gerne an die Tradition der „Kinderfreunde“, die in vielen Köpfen noch präsent ist. Was wir kurzfristig tun, ist für berufstätige Eltern eine Versorgung der Kinder sicherzustellen. Als organisatorische Verbesserung werden wir ein Online-System für die Kita- Anmeldung aufbauen – das wird das leidige Thema der Doppel- und Dreifach­anmeldungen beseitigen. Darüber hinaus werden wir andere kreative Lösungen erproben, wo es besondere Bedarfe gibt: Auch mit Unterstützung der Freudenberg-Stiftung des Landes und von RuhrFutur, werden wir für Kinder, die keinen Kita-Platz bekommen haben, weitere Angebote der Sprachförderung an Schulen einrichten bzw. ausweiten. Das ist ein wenig eine Notfall-Operation, aber: Wir sehen die Verantwortung. Wir können nun mal keine Kita-Plätze herbeizaubern – aber was möglich ist, das tun wir.

Der Fachkräftemangel macht das nicht gerade einfacher.

Das ist leider ein Thema, das wir auf kommunaler Ebene nicht beeinflussen können. Aber: Man kann als einzelner Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen gut sind. Als städtischer Arbeitgeber wollen wir die besondere Leistung, die dort erbracht werden, wertschätzen. Eine weitere Stellschraube sind Arbeitszeiten: Wir sorgen dafür, dass wir nicht so viele gestückelte Arbeitszeitmodelle haben, sondern möglichst Vollzeitstellen anbieten können – damit der Beruf attraktiver ist.

In Herten sind kirchliche und freie Träger in der Kinderbetreuung stark. Müsste die Stadt auch selbst mehr Plätze schaffen?
Wir haben als Stadt ungewöhnlich wenige eigene Kita-Plätze, denn es gibt zum Glück sehr aktive Träger. Ich sehe diese Trägervielfalt positiv, und wir sind für das Engagement dankbar. Hier gibt es zum Glück keinen schmutzigen Wett­bewerb zwischen den Trägern, im Gegenteil! Das zeigt sich zum Beispiel beim Haus der Kulturen, wo Caritas, Diakonie und die AWO Hand in Hand arbeiten. Ich sehe hier tolle Aussichten, weil wir eine Kultur des Miteinanders haben.

Was bremst einen schnelleren Kita-Ausbau am meisten?
Bei der Personalsituation haben wir in Herten nicht so große Schwierigkeiten. Man muss sich natürlich möglichst gut darstellen als Arbeitgeber. Aber die Flächen­problematik ist eine große Herausforderung. Gäbe es hier mehr Möglichkeiten, hätten wir manche Entscheidung anders treffen können – etwa an der Augustaschule, wo die Zusammenballung mit der Schule im Hinblick auf die Zuwegung sicher nicht ganz optimal ist. Ich sehe aber auch eine große Herausforderung darin, dass wir mit einer immer aktiveren, selbstbewussteren Bürgerschaft zu tun haben, die fordert: Das und das wollen wir – aber unter den Bedingungen nicht und möglichst nicht vor unserer Haustür! Demokratie heißt immer auch Lösungen ermöglichen. Ich war schon ein wenig erschrocken von der Aussage, dass Kita-Kinder offenbar für manche Menschen eine optische Belästigung darstellen können. Die finanzielle Situation spielt meiner Meinung nach auch eine Rolle, ist aber nicht das Haupthindernis: So ist die Versorgungssituation in Herten nicht anders als in Düsseldorf, wo auch Kita-Plätze fehlen, obwohl die Stadt viel Geld hat. Die demographische Entwicklung seit 2015 hat wohl keine Kommune so vorhergesehen.

Sprechen wir über den Offenen Ganztag. Hier haben wir in Herten die Situation, dass alle OGS vom gleichen Träger betrieben werden. Wünschen Sie sich mehr Vielfalt?
Natürlich kann Trägervielvielfalt immer gut sein, weil man ja auch voneinander lernt. Wir haben aber in Herten räumlich sehr begrenzte Kapazitäten. Deshalb bin ich der AWO als Träger sehr dankbar, dass sie bereit ist, nach kreativen Lösungen zu suchen und da, wo es wichtig ist, auch Möglichkeiten zu schaffen.

Die Betreuungsquoten in der OGS liegen je nach Standort zwischen 33 und 50 Prozent. Wo würden Sie gerne mehr Kapazitäten schaffen?
Eigentlich perspektivisch überall. Das ist beim Ausbau der Grundschulen auch konzeptionell mitgedacht. Wir überlegen nicht nur, wie gestaltet sich der Schulalltag künftig, sondern fragen auch: Wie integrieren wir den Ganztag in den Schulbetrieb? Wir planen das bei allen Neubauprojekten mit und werden das in den nächsten zehn Jahren Schritt für Schritt umsetzen.

Das Interview führte Stefan Prott. Fotos: Markus Mucha

Info

Dr. Karsten Schneider
Beigeordneter für Bildung und Soziales
Tel. 02366 303-834
k.schneider@remove-this.herten.de