Amelie und der Frosch, der ein Hund war

Wissen für den Alltag

Die kleine Amelie* ist sechs Jahre alt. Sie ist aufgewachsen an der Sedanstraße in Herten-Süd. Im Kindergarten war sie nur selten. Seit ein paar Monaten besucht sie die Süder Grundschule In der Feige. Amelie muss noch viel lernen — dafür ist die Schule schließlich da. Aber als kürzlich im Sachunterricht über Tiere gesprochen wurde, war ihre Lehrerin doch für einen Moment sprachlos: Als Amelie das grüne Viech auf dem Foto benennen soll, überlegt sie kurz und tippt dann auf „Hund“. Was ein Frosch ist und wie er sich von dem haarigen Vierbeiner unterscheidet, das hat Amelie noch nie gehört.

Man möchte schmunzeln, wäre die Anekdote von Amelie nicht zugleich so traurig. Sie ist kein Einzelfall: „Immer mehr Kindern, die zu uns kommen, ­fehlen das einfachste Alltagswissen und Fertigkeiten, die für andere selbstverständlich sind“, berichtet Susanne Schulte-Hullern, Leiterin der Süder Grundschule mit zwei Standorten an der Augustastraße und In der Feige. „Die Schere ist zu weit geworden“, sagt die Pädagogin. Je nachdem, ob sie vorher eine Kita besucht haben und in welchem Straßenzug sie aufgewachsen sind, bringen Erstklässler völlig unterschiedliche Voraussetzungen mit. Die Schule versucht das aufzufangen, so gut es geht: Mit einer Mathe-AG, in der Kindern lernen, einen Zahlenraum größer als Zwei zu verstehen. In der „Weltwissen“-Gruppe, die Elementares erklärt: den Unterschied zwischen einer Gurke und einer Zwiebel, zwischen Frosch und Hund.

Elementar – das erhält an der Süder Grundschule noch eine Bedeutung: „Uns ist wichtig, dass die Kinder eine Überlebensstrategie für den Alltag bekommen“, sagt Susanne Schulte-­Hullern. „Denn sie landen alle irgendwann im Straßenverkehr, im Freibad, am Silbersee. Darauf müssen wir die Kinder vorbereiten. Besonders, wenn es sonst niemand tut.“

Hilflos in der Kabine

Beispiel Schwimmen: In einer typischen dritten Klasse sind von 28 Kindern 22 Nichtschwimmer. Die Lehrerin stellt das im Schwimmunterricht vor eine nahezu unlösbare Aufgabe: Wie soll sie als einzelne Lehrkraft zwei Dutzend Kinder ins Wasser bekommen, die ersten Bewegungen vermitteln, die Sicherheit im Auge behalten?

Das Problem beginnt in der Umkleide: „Wir beobachten, dass viele Kinder von Zuhause Null auf den Schultag vorbereitet werden.“ Badehose, Badeanzug, Handtuch, oft fehlt alles Nötige. Ein anderes Kind ist so unpraktisch eingepackt, dass es hilflos in der Kabine steht. Nicht selten sind auch Zweit- oder Drittklässer gar nicht in der Lage, sich alleine umzuziehen. Da kommt man als Lehrerin ins Schwitzen.

Dabei ist nur Ausdruck eines viel weiteren Problems, das Susanne Schulte-Hullern und ihren Kolleginnen ernsthafte Sorgen bereitet. Sie trainieren mit ihren Kindern die einfachsten Dinge, damit sie selbstständig werden können: Die Jacke überstreifen, die Strumpfhose anziehen. Gegenstände im Tornister erkennen und benennen: Was ist ein Bleistift, was ein Heft? Wie sonst soll der sechs­jährige Elias* die richtigen Schul­sachen für den Unterricht dabei haben, wenn ihm zuhause niemand beim Packen hilft und ihm die Begriffe fehlen?

Raus aus dem Mikro-Kosmos
Obwohl an der Süder Grundschule Kinder aus 21 Nationalitäten vertreten sind, lassen sich die meisten Probleme nicht einfach auf einen Migrations­hintergrund zurückführen. Eher auf schwierige Familienverhältnisse und eine bedrückende Enge des sozialen Umfeldes: „Viele Kinder haben ihre primäre Umwelt nicht erschlossen“, sagt Susanne Schulte-­Hullern. Sie kennen nur ihren Mikro-Kosmos – nach dem Motto: „Auf dem Hof ist immer was los“. Der Schritt in die weitere Welt fällt entsprechend schwer: Wie verhalte ich mich im Straßenverkehr? Wofür ist ein Bürgersteig da, wie funktioniert eine Ampel? Nicht wenige haben noch nie im Leben einen Wald betreten, obwohl der Schlosspark quasi vor der Haustür liegt.
Teilhabe am Leben verwehrt
Eine nicht hinnehmbare Form von Vernachlässigung, glaubt Susanne Schulte-Hullern: „Den Kindern wird durch ihre familiären Hintergründe die Teilhabe am normalen Leben verwehrt.“ Dabei will sie keinesfalls nur die Eltern verantwortlich machen. „Wem selbst das Lesen und Schreiben schwerfällt, dem ist es oft nicht gegeben zu beurteilen: Was braucht mein Kind, um einen guten Start ins Leben zu bekommen?“ Mit den heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten kann allerdings auch Schule die Defizite nicht mehr auffangen, glaubt Susanne Schulte-­Hullern. Denn die Ressourcen sind ihrer Meinung nach überall zu knapp: In der OGS sind ständig mehr als 30 Kinder auf der Warteliste. Der Förderscout hat im Herbst alle Hände zu tun, um nur die Bedarfe zu identifizieren. In manchen Klassen wären fünf oder sechs Integrationshelfer notwendig, um eine Einzelbetreuung zu leisten. Und selbst eine so vorbildliche Initiative wie der „Quadratkilometer Bildung“, die an der Süder Grundschule Hilfsangebote bündelt, stößt an ihre Grenzen.
Nur gemeinsam geht´s voran
Wichtig wäre es, an der Schnittstelle zwischen Kindergarten und Grundschule mehr Kontinuität zu sorgen: Mit der Einschulung werde die Uhr quasi auf Null gesetzt – und dann vergeht in der Schuleingangsphase viel Zeit, bis der Förderbedarf eines Kindes erkannt, im Einvernehmen mit den Eltern beantragt und schließlich genehmigt ist. Bis dahin haben Kinder meist den Anschluss verloren. Manchmal vielleicht für immer. Was bräuchte es, um benachteiligte Kinder auf den Weg zu bringen? „Mehr Raum, mehr Zeit und mehr Menschen, die keine Noten vergeben“, glaubt ­Susanne Schulte-Hullern. Den größten Erfolg verspricht sich die Schulleiterin von „multiprofessionellen Teams“ – mit Lehrern, Sozialpädagogen und engagierten Helfern, die eine Fördergruppe leiten, ins Schwimmbad gehen, den Kindern das Radfahren beibringen oder mit ihnen den Wald erkunden. Ganz nach einer alten Weisheit: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.
(*Namen von der Redaktion geändert)

Text: Stefan Prott • Fotos: Markus Mucha