Wegweisendes Modell

AGR und Hertener Stadtwerke denken Fernwärme neu

Energie aus Abfall – dieses weiterentwickelte Modell haben die Hertener Stadtwerke gemeinsam mit der AGR auf eine neue Stufe gehoben. Ein Gespräch über eine Allianz mit Potenzial.

Die Hertener Stadtwerke beziehen schon seit den 80er Jahren Strom von der AGR, der durch Abfallverbrennung erzeugt wird. Ab dem Jahresbeginn 2019 wird das RZR Herten auch zum Fernwärme-Produzenten für 25.000 Haushalte der Region, die direkt oder mittelbar von den Hertener Stadtwerken beliefert werden. Warum?
Thorsten Rattmann:
Wir sehen in diesem Projekt die Weiterentwicklung unserer vertrauensvollen Partnerschaft mit der AGR – zum Wohle unserer Kundinnen und Kunden: Wir sichern damit eine klimafreundliche und günstige Fernwärmeversorgung in der Region – nach dem Motto: Saubere Wärme aus Herten für Herten.

Der Wärmemarkt ist stark in Bewegung. Warum jetzt dieses neue Projekt?
Rattmann: Die Marktsituation hat sich mit der eingeleiteten Energiewende radikal verändert: Die Verstromung von Kohle und Gas allein ist heute nicht mehr wirtschaftlich. Deshalb hat ein Umdenken stattgefunden: Früher galt Wärme eher als Abfallprodukt bei der Stromerzeugung. Heute ist aber Wärme wesentlich werthaltiger: Auf Grund der gefallenen Strompreise werden Gas- und Kohle-Kraftwerke teilweise nur angefahren, um Wärme zu produzieren, dies ist aber weder wirtschaftlich noch umweltfreundlich. Wir werden daher aller Voraussicht nach ein Kraftwerkssterben erleben, vor allem für Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen. Eine Situation, die das Ruhrgebiet so noch nicht kannte. Anders sieht es aus bei der Strom- und Wärmegewinnung aus der Abfallverwertung. Wenn wir aus der Daseinsvorsorge ‚Müllentsorgung‘ nicht mehr nur Strom, sondern demnächst auch Wärme gewinnen, dann ist das sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch sinnvoll und nachhaltig. Deshalb haben wir vorsorglich neue Fernwärme-Verträge zwischen der AGR, Steag und Uniper sowie den Hertener Stadtwerken geschlossen, die Versorgungssicherheit für die kommenden 15 Jahre schaffen.

Warum engagiert sich die AGR?
Joachim Ronge: Für uns war es wichtig, neben der Entsorgungssicherheit auch einen großen Beitrag zur Versorgungssicherheit zu leisten. Dafür ist es folgerichtig, dass die Kapazitäten der Wärmeerzeugung im RZR erweitert werden. Unsere bereits heute gute CO2-Bilanz wird sich durch die effiziente Kraft-Wärme-Kopplung im Abfall­kraftwerk weiter verbessern.

Wie funktioniert das konkret?
Ronge: Früher haben wir Strom und Wärme im Verhältnis 90 zu 10 produziert. In Zukunft sind wir in der Lage, sehr viel elastischer auf die Nachfrage zu reagieren und mehr Wärme zu liefern, wenn sie benötigt wird.

Also vor allem im Winter?
Ronge: Ja. Im Sommer braucht kaum jemand Wärme, aber in der kalten Jahreszeit müssen wir zuverlässig liefern können. Das stellt uns vor ganz neue Herausforderungen: Eine Müllverbrennungsanlage ist eigentlich kein Kraftwerk. Um jederzeit flexibel den Wärmebedarf bedienen zu können, werden wir massiv investieren – bis zu 25 Millionen. Mit der neuen Anlage werden wir tagesscharf darauf reagieren können, wie viel Strom und wie viel Wärme die Kunden der Stadtwerke haben wollen. Wir kommen den Bedürfnissen des Marktes in der Region also ein großes Stück entgegen.

Brauchen Sie dafür künftig mehr Müll?
Ronge: Unser Brennstoff war immer Müll – und er wird es bleiben. Die Idee war naheliegend zu sagen: Wir erzeugen Energie nicht aus heimischer Kohle, nicht aus Importkohle, nicht aus Kernkraft – sondern eben aus der thermischen Verwertung von Abfall. Das ist für mich Kreislaufwirtschaft im besten Sinne: Die Bürger geben uns ihren Abfall – und erhalten die energetisch verwertbaren Anteile in Form von Strom oder Wärme zurück.
Rattmann: Wenn man so will, ist das eine Antwort auf die Energiewende. Hier tut sich gerade viel auf dem Mark weil wir von den riesigen zentralen Kraftwerks- Einheiten weg wollen und dezentraler werden müssen.

Ist das so leicht machbar?
Rattmann: Ganz so leicht nicht. Wir haben unseren Marktzugang gemeinsam mit der AGR, aber auch mit Uniper und Steag dafür optimiert und professionalisiert. Täglich, fast stündlich zu reagieren, wie man das Optimum zwischen Strom und Wärme hinbekommt – das ist schon komplex. Wir sind vom Anspruch ein paar Stufen hochgegangen und können jetzt mit Fug und Recht sagen: Das ist intelligente Energieversorgung.

Ist Herten damit Vorbild für andere?
Rattmann: Es hat sicher Pilotcharakter, dass wir trotz aller Komplexität der vertraglichen Beziehungen hier lokal eine gute Lösung für alle vier beteiligten Unternehmen geschaffen haben. Es ist uns gelungen, die seit 50 Jahren gewachsene Kooperation auf dem Fernwärmemarkt nicht nur zu erhalten, sondern zukunftsfest zu machen – mit einer optimalen Lösung, die für alle Partner eine Win-Win-Lösug darstellt.
Ronge: Auch Bürger und Unternehmen profitieren davon. Die Stadtwerke und die AGR können Versorgungssicherheit für die nächsten 15 Jahre garantieren. Mit uns können Sie 15 bis 20 Jahre sicher planen.

Aktuell werden 2.300 Anschlüsse in Herten mit Wärme versorgt. Ist das ausbaufähig?
Rattmann: Wir wollen schon noch wachsen, denn Fernwärme ist eine sehr zukunftsweisende Technologie: Sie hilft dem Häuslebauer, die Anforderungen der Energieeinsparverordnung zu erfüllen und ist völlig unkompliziert im Alltag: Da Wärme und warmes Wasser von außen kommen, können hertenwärme-Kunden einiges sparen – nämlich Platz für die Heizungsanlage, Zeit für Wartungen und Reparaturen und Geld, da die Betriebskosten gering sind.

Interview: Stefan Prott • Fotos: Markus Mucha, Christian Kuck, AGR mbH/Frank Rogner

Info

Hertener Stadtwerke GmbH

Herner Str. 21, 45699 Herten
Tel. 02366 307-123
www.hertener-stadtwerke.de/hertenwaerme

AGR Gruppe

Im Emscherbruch 11, 45699 Herten
Tel. 02366 300-0
www.agr.de