Politik ist schick

Politik ist schick

Wer in letzter Zeit bei Google das Wort „Politik“ eingegeben hat, um nachzuschauen, ob das, was wir in der Schule gelernt haben, noch die eigentliche Bedeutung des Wortes ist, wird konfrontiert mit Schlagzeilen wie „US-Politik: Trump ist nicht k.o. aber schwer getroffen“, „Sachsen: Merkel verteidigt Pressefreiheit“ und „Ukrainischer Regisseur: USA drängen Russland zur sofortigen Freilassung von Oleg Senzow“.

So viele Eigenheiten und Befindlichkeiten auf dem weltweiten Parkett (und in der Kommunalpolitik), Meinungen, Streit und schwer belegbare Headlines. Dabei ist Politik „die Regelung der Angelegenheiten eines Gemein­wesens durch verbindliche Entschei­dungen“. Wer entscheidet und wieviele entscheiden und wieviel Macht und Geld die Entscheider haben, spielt auf dieser Erde eine unterschiedlich große Rolle. Ganz wichtig ist jedoch: Wer die Welt verändern möchte, muss vor seiner Haustür anfangen.

Nur so wird die eigene Stadt als Projekt und die eigene Sicht auf die Dinge wahrnehmbar im Gemeinwesen. Das ist nicht immer einfach. Wer Politik macht muss: Diskussionen führen, Streit aushalten, negative Stimmung an sich abprallen lassen, Uneinigkeiten kitten und vor allem: Zeit für alle diese Dinge haben. In der politischen Landschaft, in der wir alle uns in NRW und in der Bundesrepublik befinden, ist es aber besonders wichtig, den Politikerinnen und Politikern, die uns und unsere Meinung vertreten, in unserer Stadt Danke zu sagen.

Danke, dass sie Freizeit und Familie hinten anstellen, spät aus Ratssitzungen nach Hause kommen und sich noch mit den nächsten Anträgen beschäftigen, während wir Normalbürger bei der nächsten Wahl nur ein kleines Kreuz machen müssen. Ein kleines Kreuz, dass manchmal nicht leicht zu tragen ist. Aber ohne die Kommunalpolitikerinnen und -politiker, die wir haben, hätte unsere Stadt einen schweren Stand. Hier sind einige von ihnen im Porträt.

Text: Mareike Graepel • Fotos: Markus Mucha 

Aufgeben? Kommt nicht in Frage! (Dorothee Babst, SPD)
„Ich bin seit 30 Jahren in der Politik aktiv, anfangs bei den JuSos und nun bei der SPD“, sagt Dorothee Babst. In der zweiten Amtsperiode ist sie Ratsmitglied für die Sozialdemokraten. „Ich war schon immer sozial engagiert und bin in einem SPD-geprägten Haushalt groß geworden.“ Für sie war immer klar: Politisch aktiv sein ist Pflicht, wenn man etwas verändern möchte — zum Besseren. „Das ist mein Antrieb: Ich möchte in meiner, in unserer Stadt etwas bewegen — und erlebe in meiner Heimatstadt ein starkes Miteinander.“ Etwas, dass sie in der derzeitigen Stimmungslage in der Gesellschaft vor allem in den sozialen Netzwerken und im Internet schmerzlich vermisst. „Der Ton, der da in den Foren herrscht, macht mir zu schaffen.“ Da ruhig zu bleiben und den konstruktiven Dialog zu suchen, das kostet Energie, ja: „Das mag mühselig sein, aber aufgeben? Kommt nicht in Frage!“ Ihr wichtigstes Anliegen in Herten benennt sie mit Nachdruck: „Die Innenstadt. Ich würde Herten so sehr ein neues Zentrum wünschen, der aktuelle Entwurf gefällt mir, und es wäre gut, wenn wir so gute Läden nach Herten holen könnten.“ Und, so Dorothee Babst, deswegen gilt auch: Vorbild sein. „Und so viel wie möglich lokal einkaufen.“
Text: Mareike Graepel • Foto: Markus Mucha

Politik mit Begeisterungs­faktor (Christin Rattay, SPD)
„Man muss selbst etwas tun, damit sich etwas ändert“, lautet das Motto von Christin Rattay. Seit drei Jahren ist die 17-Jährige Mitglied bei den JuSos in Herten und setzt sich besonders für Jugendliche in ihrer Stadt ein. Viele von ihnen interessieren sich kaum für Politik – dabei könnten sie so einiges bewegen. In Hertens Innenstadt zum Beispiel. „Hier gibt es das Projekt Neustart Innenstadt. Ziel ist es, Hertens Innenstadt wieder mit Leben zu füllen und für alle attraktiver zu machen.“ ,sagt die Nachwuchspolitikern. Ihr sei dabei besonders wichtig, dass bei der Neugestaltung auch an die Jugend gedacht werde. So setzt sie sich stark für die Einrichtung neuer Treffpunkte ein. Christin Rattay ist es wichtig, dass junge Menschen Orte haben, an denen sie sich treffen und ihre Zeit sinnvoll verbringen können. Dabei treibt sie vor allem eines an: „Ich möchte bei den Jugendlichen das Interesse für Politik wecken und sie dafür begeistern. Denn gemeinsam können wir noch viel mehr schaffen.“
Text: Dr. Felicitas Bonk • Foto: Markus Mucha

Ratsfrau und Mutter (Melanie Kiefer, CDU)

Melanie Kiefer schafft den Spagat zwischen Familienleben und Politik. „Als Organisationstalent und mit einem starken Rückhalt.“ So kann Melanie Kiefer, CDU-Politikerin aus Herten, ihrer Leidenschaft, der Politik nachgehen und trotzdem eine liebevolle Mutter für ihre beiden Kinder sein. In der Doppelfunktion hat es die Ratsfrau der CDU, Melanie Kiefer schafft es Berufung, Beruf und Familie unter einem Hut zu bekommen. „Doch das geht nicht alleine. Ich habe eine tolle Familie, die mir den Rücken stärkt – Mann und Großeltern, sie alle müssen mit anpacken. Das erfordert ein hohes Maß an Struktur und Organisation im Alltag“, so die 38-Jährige. Seit zehn Jahren schon gelingt ihr das. Viel Freizeit steckt die zweite stellvertretende Fraktionsvor­sitzende in die Kommunalpolitik in Herten. Besonders die Jugend- und Bildungspolitik liegen ihr am Herzen. „Für mich war die Entscheidung in die Politik zu gehen eigentlich ganz einfach. Ich wollte nicht immer nur über andere meckern – ich wollte für meine Stadt selbst die Dinge in die Hand nehmen.“
Text: Sandrine Neunert • Foto: Markus Mucha

Die Liebe zur Heimat (Sarah Timmerberg, CDU)
„In der eigenen Stadt fängt alles an“, sagt Sarah Timmerberg, seit 2016 Mitglied der CDU und Vorsitzende des Stadtverbandes der Mittelstandsvereinigung Herten (MIT). „Ich möchte gerne wissen, was in der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, passiert, welche Probleme bei den Hertener Unternehmern vorherrschen und wie man deren Interessen politisch durchsetzen kann.“ Ihre eigene berufliche Selbstständigkeit ist der Motor auch hinter dem politischen Engagement. Ein Lernprozess nichts­destotrotz, denn anfangs musste sie lernen, wie „der politische Willensbildungsprozess“ funktioniert. „Aber das hat sich geändert. Insbesondere die Arbeit in der MIT des Kreises Recklinghausen erweitert den Horizont für kreisweit wichtige Themen. Mittlerweile arbeite ich daran mit Anträge zu formulieren, kann diese stellen und mitbeschließen,“ so die Rechtsanwältin. Ihr Wunsch für Herten: ein wirtschaftlich durchdachtes Gesamtkonzept für die Stadt, in dem die Unternehmensansiedlungen und die Pflege der bereits ansässigen Unternehmen die oberste Priorität haben.“
Text: Mareike Graepel • Foto: Markus Mucha

Parteiübergreifend zusammenarbeiten (Carsten Balzk , FDP)

Seit 2004 ist Carsten Balzk Mitglied bei den Freien Demokraten, aber „eigentlich war ich schon vorher politisch interessiert“. In eine Partei einzutreten war der nächste logische Schritt für ihn, als seine Kinder zu Beginn ihrer Grundschulzeit vor einem OGS-Desaster standen. „Eine persönliche Entscheidung war das für mich, ja, aber die FDP hat sich damals für die Abschaffung der Schul­bezirke eingesetzt und da stand ich direkt voll dahinter.“ Die FDP war und ist ihm „am nächsten“, aber: „Kommunal­politisch etwas bewegen kann man vor allem dann, wenn man auch parteiübergreifend zusammenarbeitet und sich für die Sache selbst stark macht, abseits von Befindlichkeiten.“ Dass heute so viel ungefilterte Meinungen in Sachen Politik im Internet kursieren, nimmt er an. Er sagt: „Das gehört zum Zeitgeschehen dazu.“ Aber er fügt hinzu: „Im Internet kann ich diese Dikussionen höchstens beobachten - verändern kann ich in meiner Kommune nur dann Dinge, wenn ich tatsächlich etwas bewege und mich nicht von Grabenkämpfen ablenken lasse. Die kosten zu viel Zeit.“ Bürger­getriebene Projekte findet Carsten Balzk besonders wichtig. „Es darf in Sachen Politik nicht immer nur von oben ‚aufdiktiert‘ werden, was zu tun ist.“ Was ihm in Herten am Herzen liegt: „Die Entwicklung der Innenstadt. Dabei darf aber die südliche Ewaldstraße nicht vergessen werden.“
Text: Mareike Graepel • Foto: Markus Mucha

Politischer Einsatz als Herzens­angelegenheit (Martina Herrmann, Bündnis 90 Die Grünen)
Wenn Martina Herrmann sich eines Themas annimmt, dann immer zu 100 %. Vor allem im Bereich der Gleichstellung ist die Fraktionsvorsitzende des Bündnis 90 Die Grünen seit vielen Jahren aktiv und setzt sich stark für die Frauen in Herten ein. Das Besondere dabei: Statt vieler Worte lässt sie Taten sprechen. Neben etlichen Aktionen, bei denen Martina Herrmann gemeinsam mit ehrenamtlich Aktiven Spenden für das Hertener Frauenhaus sammelt, sucht sie auch den direkten Dialog mit Hertens Prostituierten: „Das sind ganz arme Frauen, die gar nicht wissen, dass es Hilfe für sie gibt. Es ist mir wichtig, dass es ihnen trotzdem gut geht. Ihre Schicksale berühren mich.“ Dennoch, manchmal sei ihr Engagement ein Kampf gegen Windmühlen. „Aber die Momente, in denen Kollegen aus anderen Fraktionen meine Arbeit loben, motivieren mich,“ sagt Martina Herrmann. Dass sie die Kraft habe, sich so einzusetzen, liegt vor allem an einem: „Meiner Familie. Ohne ihre Unterstützung wäre das alles nicht möglich.“
Text: Dr. Felicitas Bonk• Foto: Markus Mucha

Mit Herzblut dabei (Marina Ruhardt, Die LINKE)
„Die Keimzelle der Demokratie ist die Kommune“, bringt Martina Ruhardt von der Partei Die Linke es direkt zu Beginn des Gesprächs auf den Punkt. „In einer Stadt habe ich direkte Einwirkungs­möglichkeiten, muss nicht auf Gesetzes­entscheidungen aus Berlin warten.“ Kommunalpolitik ohne Herzblut ist für die Soziologin undenkbar. „Ich bin 2007 in die Partei eingetreten, unmittelbar nach dem Gründungsparteitag.“ Ein Zeichen auch für sich selbst zu setzen, und nicht nur als passives Mitglied einen Beitrag zu zahlen, das war ihr von Anfang an wichtig. „Es hat mich berührt, wie selbstverständlich und gleichberechtigt Frauen in der Partei aktiv sein können.“ Und auch, wenn Politik nicht immer einfach ist und viel Freizeit in Anspruch nimmt, sieht sie es als ihre Pflicht an, dabei zu bleiben. „Das gesellschaftliche Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich, das hierzulande herrscht, treibt mich an.“ Und: „Manche politische Entwicklungen sind sehr besorgnis­erregend.“ Es ist nahezu eine historische Verantwortung, die man den nachfolgenden Generationen gegenüber hat, findet die Studienberaterin. „Und ich freue mich, dass mich meine Familie dabei unterstützt, mich in diesem Sinne hier vor Ort einbringen zu können.“ Gesicht zeigen, die Stadt mit gestalten, empathisch sein - das ist für Martina Ruhardt wichtig. Und so macht sie auch Politik.
Text: Mareike Graepel • Foto: Markus Mucha

Wie ein Siebenkämpfer mehrere Bereiche bedienen (Lars Radziej, UBP)
Politisch interessiert und engagiert zu sein, das ist für Lars Radziej von der Unabhängigen Bürgerpartei (UBP), seit jeher selbstverständlich. „Ich war erst für die CDU im Stadtrat, aber habe da bald das Gefühl gehabt, dass ich politisch eigenständiger unterwegs sein möchte.“ Zusammen mit Tobias Köller gründete er 2006 die UBP. „In der Ausbildung hat mein Vorgesetzter mich ‚Querdenker‘ genannt“, erzählt der Bankkaufmann. „Die Dinge zu hinterfragen, zu differenzieren, nicht stromlinienförmig mit der Masse zu schwimmen, das ist mein Antrieb.“ Die UBP ist im Kreis Recklinghausen überall vertreten, ist jetzt „gut aufgestellt“, sagt der Politiker. „Auch, wenn anfangs der Umgang der anderen Parteien mit uns nicht einfach war.“ Als kleine Wähler­gemeinschaft neben den großen Parteien hat das eben Vor- und Nachteile. „Wir können anders agieren als die Großen und uns leichter bewegen. Gleichzeitig sind wir aber wie ein Siebenkämpfer bei einem Leichtathletik-Wettkampf und müssen mehrere Bereiche in Personal­union bedienen.“ Sein Ansatz in Sachen Politik in Herten (und darüber hinaus): „Die Finanzen. Nur so kann man Bildung, Integration und Inklusion nachhaltig beeinflussen.“ Wichtig sei, so Radziej, nicht nur an allen Ecken und Enden zu „flicken“, sondern langfristig in die Zukunft zu schauen.
Text: Mareike Graepel • Foto: Markus Mucha

TOP will „sachbezogene Politik zurück ins Rathaus bringen
In Herten gibt es eine neue Partei: „TOP“ — kurz für Trans­parente Offene Politik. Der Vorstand setzt sich aus Bürger­meister Fred Toplak (Vorsitzender/Transvaal), Ralf Kirsch (stellver­tretender Vorsitzender/Scherlebeck), Sascha Köhle (Parteisekretär/Westerholt), Michael Adams (Kassierer/Westerholt), Anne Reuter (stellvertretende Kassiererin/Westerholt), Axel Mainzer (Schriftführer/Langenbochum), Hubertus Arns (stellvertretender Schriftführer/König Ludwig), Stefan Thiel (erster Beisitzer/Herten-Mitte), Denis Dougban (zweiter Beisitzer/Hillerheide) zusammen. Das Schiedsgericht bilden Hans Socha (Scherlebeck), Sibylle Weber (Herten-Mitte) und Barbara Berger (Scherlebeck). Die neue Partei möchte, so Toplak, „für Herten eine politische Plattform schaffen, die sachbezogene Politik zurück ins Rathaus bringen und derzeit bestehende Blockaden auflösen wird.“