Serie Bürgermeisterwahl "Herten hat unglaublich viel Potenzial"

Bürgermeister-Kandidatin Martina Ruhardt im Portrait

Ab sofort stellen wir Ihnen jede Woche eine Bürgermeisterkandidatin oder einen Bürgermeisterkandidaten im Portrait vor. Den Anfang macht Martina Ruhardt, Bürgermeisterkandidatin der Partei DIE LINKE.

Sie ist ein Kind dieser Stadt, in Herten geboren, und zwar zu Hause im Schieferfeld in Langenbochum. Heute wohnt Martina Ruhardt gut 100 Meter von ihrem Elternhaus entfernt. „Wenn man es so sieht, bin ich nicht weit gekommen“, sagt sie und lacht. Dabei hat die Bergmannstochter eine Karriere wie aus dem Bilderbuch der Bildungsreform Willy Brandts vorzuweisen: Abitur als erste ihrer Familie, dann eine Ausbildung bei der Veba Wohnungsbau gGmbH, nach der Geburt ihrer beiden Töchter ein Fernstudium der Soziologie und Geschichte. Seit fast 20 Jahren arbeitet Martina Ruhardt als Studienberaterin für die Fernuni Hagen – und jetzt kandidiert die Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Hertener Rat für das Bürgermeisteramt.  

„Ich habe viel Glück gehabt, immer wieder“, sagt Martina Ruhardt, wenn sie von den Stationen ihres Weges erzählt. Dazu zählt sie auch ihre Besuche in der Berufsschule in Ratingen-Hösel: „Diese Schule war etwas Besonderes, eine unglaubliche Erfahrung. Sie hat mich bis heute geprägt – und das Interesse an Stadtentwicklung geweckt“, sagt Ruhardt. Mit ihrem späteren Mann, einem Kriminalbeamten, zog die junge Sachbearbeiterin dann nach Moers. „Damals folgte man als Frau noch dem Beruf des Mannes.“ Doch das junge Paar suchte bald den Weg zurück nach Herten, als die Töchter Birte (1985) und Frauke (1987) geboren wurden.  

Solidarische Gemeinschaft in der Zechensiedlung

Wie hat sie das Leben in der Zechensiedlung in den 70ern in Erinnerung? „Jeder hatte Arbeit. Und es gab bei uns ein sehr enges Netzwerk, eine solidarische Gemeinschaft. Die Bergleute haben nicht nur zusammen gearbeitet, sondern zusammen gelebt.“    

Seitdem hat sich im Hertener Norden viel verändert. Nach der Zechenschließung härten sich viele traditionellen Beziehungen aufgelöst: „Es fällt auf, dass die Bevölkerung älter geworden ist und junge Familien im Stadtteil fehlen“, sagt Martina Ruhardt. „Immer mehr Menschen leben allein, und immer mehr sind ohne Teilhabe am sozialen Leben.“ Stadtentwicklung und Quartiersmanagement sieht Martina Ruhardt als Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit: „Wir müssen Isolation und Einsamkeit aufbrechen“, sagt die Ratsfrau. „Denn wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu organisieren, dann müssen wir in den Quartieren neue Angebote schaffen, um Begegnung, Versorgung und Anregung zu sichern.“  

"Die Kommunen sind kaputtgemacht worden"

Doch für diese Aufgabe haben die Kommunen kaum noch Geld. Laut Martina Ruhardt eine Folge der rot-grünen Steuerpolitik um die Jahrtausendwende: „Die Kommunen unserer Region sind von der Schröder-Fischer-Regierung kaputtgemacht worden.“ Allein 60 steuerpolitische Entscheidungen zu Lasten der Kommunen seien damals getroffen worden. Die kommunale Finanznot sieht die LINKE daher als strukturelles Problem, das aus eigener Kraft nicht mehr gelöst werden kann: „Wir haben den Stärkungspakt abgelehnt, weil er die Kommune nicht stärkt, sondern schwächt.“

Mit Sorge beobachtet Martina Ruhardt, dass wichtige soziale Aufgaben in Herten brach lägen: „In der Jugendhilfe sind so viele Stellen abgebaut worden, dass wir uns auf ein Minimum konzentrieren müssen.“ Ginge es nach Martina Ruhardt, dann müssten künftig mehr Mittel in eine aktive Sozialpolitik gesteckt werden: „Wir haben ein abgehängtes Prekariat ohne jede Chance auf Beschäftigung.“ Eine Generationenaufgabe, die man am besten bei den Jüngsten anfangen müsse: mehr gut5e und  gebührenfreie Kitaplätze, mehr frühe Förderung, mehr Sozialarbeiter in den Schulen seien nötig. „Ein Arbeiterkind hat heute schlechtere Chancen aufzusteigen als in  den 70er Jahren.“  

Wachsende soziale Unterschiede, mangelnde Chancengleichheit – diese Tendenzen haben Martina Ruhardt motiviert, in die Politik einzusteigen: „Ich musste mitansehen, wie all das, wovon ich als junge Frau profitiert habe, zerstört wird“, erklärt sie. Ruhardt wurde 2007 Gründungsmitglied der LINKEN und ist seit 2009 im  Hertener Rat – und dort bekannt als Aktenfresserin, die sich akribisch durch den immensen Papierwust von  Ausschüssen und Plenum arbeitet.  

Innenstadt: Nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen

Im Rat findet sie oft klare Worte und Positionen. Zum Beispiel beim Thema Innenstadt: „Wir sollten uns ganz schnell von dem Unternehmer THI aus Hannover trennen, der von  Anfang an sehr intransparent war“, sagt Ruhardt. Die Pläne für das neue Herten Forum mit „aberwitzigen Verkaufsflächen“ hält sie für völlig unrealistisch: „Wir brauchen das nicht und sollten nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen.“ Dabei sieht die Fraktionschefin der LINKEN die Innenstadt als Herausforderung, aber längst nicht als hoffnungslosen Fall an: „Auch auf der Ewaldstraße ist Entwicklung mit Einzelhandel möglich. Es gibt genug Ideen, zum Beispiel Lieferdienste für Ältere oder Geschäfte, die dem Onlinehandel ein Einkaufserlebnis entgegensetzen – alles was man fühlen, erleben, genießen kann.“  

Politisch spart Martina Ruhardt nicht mit Kritik. „Das ist nun einmal unsere Aufgabe als Opposition - Applaus spenden kann die SPD alleine.“ Dabei hat sie sich den positiven, liebevollen Blick auf ihre Heimatstadt bewahrt: „Herten hat mit dem Schlosspark, der Haldenlandschaft und der Ried einfach unglaublich viel Potenzial.“  

Stefan Prott

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Info

Martina Ruhardt

DIE LINKE. Stadtverband Herten
Ewaldstraße 30
45699 Herten

0178 5059061

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