HERTEN WIRD ÄLTER Ins Trainingslager nach schwerer Krankheit

Ins Trainingslager nach schwerer Krankheit

„Eigenartig“ fühle sich das Leben für den 86-jährigen Manfred Hartl an, sagt er. Über vier Jahrzehnte hat er als Lehrer und Schulleiter in Westerholt Kindern beigebracht, was sie als Rüstzeug fürs Leben brauchen. Nun muss er selbst wieder Dinge lernen, „wie man sie in der ersten Klasse macht“, erzählt er. Manfred Hartl ist krank. Mit einem akuten Nierenversagen wurde er Mitte September ins Gertrudis-Hospital eingeliefert, Spätfolge einer Diabetes-Erkrankung, die vor rund 20 Jahren festgestellt wurde. Andere Erkrankungen kamen hinzu.

Mit dieser Multimorbidität, wie Mediziner ­Mehrfach-Erkrankungen nennen, ist Manfred Hartl kein Einzelfall. Was nach einer akuten Erkrankung folgt, lässt sich schwer vorhersehen. Manfred Hartl hat Glück. Er kann im Gertrudis-Hospital wieder auf ein Leben in den eigenen vier Wänden vorbereitet werden, unterstützt von seiner Frau. Bis es so weit war, hatte die Familie allerdings allen Grund zur Sorge. Doch der Reihe nach. Nach der Ersteinweisung ins Gertrudis-Hospital folgte die intensivmedizinische Be-treuung im Marien-Hospital Marl. Danach ging es zurück ins Gertrudis zur weiteren Behandlung und Mobilisierung. Das Ziel: möglichst selbstständig wieder zuhause leben können.

Mit seinem Schicksal steht Manfred Hartl keineswegs allein. Er zählt zu den 1,86 Millionen Pflegebedürftigen bundesweit, die laut einer Studie in häuslicher Umgebung versorgt werden.Die Nähe zum Gertrudis-Hospital hat sich für Familie Hartl als Glücksfall erwiesen. Seit 1990 gibt es dort eine Klinik für Geriatrie. Seit den Anfängen hat sich viel getan, erklärt die heutige Chefärztin Dr. Anette Borchert: „Dabei geht es besonders um die Verzahnung von Akutgeriatrie und Frührehabilitation. Das ist ganz wichtig für ältere Menschen, die oft multimorbide sind.“ Mehrfach-Erkrankung bedeutet für Man­fred Hartl: Zum Nierenschaden kommt eine Makula-Degeneration hinzu. Er sieht schlecht, kann nur noch hell und dunkel unterscheiden, für den Viel-Leser eine herbe Einschränkung. Zeit seines Lebens war er aktiv. Noch bis zum vergangenen Jahr bewirtschaftete er einen Schrebergarten. Inzwischen geht das nicht mehr. „So habe ich mir mein Alter nicht vorgestellt“, sagt er.

"Kinderkram" mit positiver Wirkung

Doch Manfred Hartl lässt den Kopf nicht hängen. Die Hilfen, die er durch seine Familie bekommt, machen vieles leichter. Und sie können durch Dienste und Hilfen von außen ergänzt werden. Auch das ist ein wichtiges Ziel der Geria­trischen Abteilung am Gertrudis-Hospital. Die ­Leiterin des Krankenhaus-Sozialdienstes und der Pflegeüberleitung, Regina Kaiser, nennt es „Überleitungsmanagement“. Sie sagt: „Das ist wichtig für die Weiterversorgung zu Hause.“ Angehörige werden beraten, wie der Wohnraum umgestaltet werden kann und welche Hilfsmittel es gibt. Patienten und Angehörige werden im Umgang mit den Hilfsmitteln geschult, beim Aufbau ambulanter Netzwerke unterstützt oder über die Leistungen der Pflegeversicherung informiert. Schließlich wird alles so organisiert, dass das Konzept punktgenau am Tag der Entlassung steht. „Jetzt kommen Sie ins Trainingslager, um sich fit zu machen“, hatte man Manfred Hartl bei der Überleitung vom Marien-Hospital ins Gertrudis-Hospital gesagt.

Über das „Trainingslager“ muss er schmunzeln. Denn ein bisschen kommt ihm das, was er über Wochen täglich machen muss, so vor als sei es „Kinderkram“. Doch er kann darüber lachen, denn er spürt, dass Kinderkram durchaus positive Wirkungen hat. „Ich spiele im Sand“, sagt er schmunzelnd, während seine Finger sich durch eine Kiste graben, die mit angewärmtem, feinkörnig glattem Kies gefüllt ist. „Das fördert die Feinmotorik“, erklärt Ergotherapeutin Sandra Ellert. Sie trainiert die Selbstständigkeit mit den Patientinnen und Patienten. Manfred Hartl nimmt seine Situation an und lässt keine Übungseinheit aus, ob es die Sitzgymnastik oder das Gedächtnistraining ist. Zuhause gibt es Hilfen vom Rollator über den Treppenlift bis hin zu Hörbüchern und den ­ehrenamtlichen Besuchsdienst durch einen ­ehemaligen Buchhändler. Soweit ist für alles gesorgt. Aber wenn der Lehrer jemandem noch einen Rat fürs Leben geben soll, dann ist es dieser: „Jeder sollte versuchen, nicht leichtsinnig mit seiner Gesundheit umzugehen. Ich habe das wohl oft zu leicht ­genommen.“

Text: Dagmar Hojtzyk • Fotos: Marco Stepniak

Verwandte Themen:
Info

Gertrudis Hospital:Zentrum für Medizin im Alter
Dr. Anette Borchert, Chefärztin
0209 61918178
E-Mail: info@remove-this.medizin-im-alter.de
www.medizin-im-alter.de