Die Fähigkeit zur Gewalt gehört zum Menschen wie die Fähigkeit zum Musizieren

Die 36. Hertener Gespräche mit Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma

„Literatur kann einem Weltdimensionen eröffnen, die einem sonst nicht zugänglich wären. Sie führt dich in eine multiple Existenz. Man kann sich anderer Leute Leben aneignen“, beginnt Dr. Jan Philipp Reemtsma die Hertener Gespräche auf der Bühne des RevuePalast Ruhr in Herten. Literatur war ihm schon immer wichtig – bereits als Kind liebte er sie.

Der Germanist, Publizist und Mäzen wurde im Alter von 43 Jahren im Jahr 1996 Opfer einer Entführung. Seit diesem einschneidenden Erlebnis hat er sich das Thema Gewalt auf die Fahne geschrieben. Heute beschäftigt sich der Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung besonders mit Gewaltphänomenen, die unmittelbare Rückwirkungen auf die Struktur ganzer politischer Systeme haben.

Gewalt kommt vor
Ob Gewalt aus seiner Sicht eine anthropologische Konstante sei, fragte Dr. Uli Paetzel auf dem Sofa neben dem Hamburger Germanisten. „Anthropologisch heißt, dass es durch die Geschichte vorkommt. Das tut es. Das gehört zu unserer Gattung. Primaten sind gewalttätige Wesen, Schimpansen zum Beispiel. Die Fähigkeit zur Gewalt gehört zum Menschen wie die Fähigkeit zum Musizieren. Das ist in der Geschichte nicht immer gleich intensiv. Doch es gehört auch zu unserer Fähigkeit nicht gewalttätig zu sein.“

„Ich habe es überstanden“
Gewalt – die hat Dr. Jan Philipp Reemtsma persönlich zu spüren bekommen. Als Erbe seines Vaters Philipp Fürchtegott Reemtsma, Inhaber der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH, zählte er mit einem Vermögen von 700 Millionen Euro zu den 150 reichsten Deutschen. Am 25. März 1996 wurde Reemsta entführt und bis zum 26. April festgehalten, sein Entführer forderte mehrere Millionen Lösegeld. Einen Monat lang saß Dr. Jan Philipp Reemtsma in einem Keller, angekettet. „Ich habe oft versucht, mit dem Entführer ein Gespräch anzuzetteln. Denn ich dachte: Vielleicht ist es für jemanden ja schwieriger jemanden umzubringen, wenn man mit ihm geredet hat.“ Tage vergingen voller Angst, Zweifel und grauenvoller Gedanken, schildert der Professor. „Und irgendwann war klar: Es hat geklappt mit dem Lösegeld, ich werde freigelassen. Als ich dann alleine im Wald stand, da wusste ich, ich habe es überstanden.“

„Im Jahr 1500 hätten die Männer heute einen Degen dabei“
In der Geschichte der Menschheit spielte Gewalt schon immer eine Rolle – die Intensität verändert sich aber. „Denken Sie mal an das Kolosseum. Das wurde errichtet, damit Menschen sehen können, wie andere Menschen auf drastische Weise umgebracht werden. In dieses Theater passten 50.000 Leute rein, das ist eine Kleinstadt. Der Galgen gehörte früher zum Stadtbild. Doch irgendwann fanden die Leute das abscheulich. Das ist eine ungeheure Veränderung. Wenn das hier ein Theater um das Jahr 1500 wäre, dann hätten die männlichen Besucher einen Degen bei sich. Es war selbstverständlich, dass sie bewaffnet sein müssen. Heute denken sie nicht einmal daran. Wenn sie das täten: Dann wären sie sonderbar.“

Der Vater von Dr. Jan Philipp Reemtsma – er war Soldat im ersten Weltkrieg. Seinem Sohn habe er erzählt, dass Frankreich einmal Deutschlands Erzfeind war. „Mein Sohn hat mich angeschaut, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Das ist wirklicher Fortschritt.“

Gewalt passiert, wenn es erlaubt wird

Aber warum passiert Gewalt? Gibt es zu viele Psychopathen? Oder ist Ausführung von Gewalt etwas ganz Banales? Reemtsma: „Banal würde ich es nicht nennen, weil die Auswirkungen dramatisch sind. Mit Psychopathen hat das nichts zu tun, nur wenige sind wirklich Psychopathen. Das hat eher etwas mit beruflichem Ehrgeiz zu tun, mit politischen Systemen, die den Leuten etwas erlauben. Im Rahmen einer solchen Atmosphäre sind dann immer solche gewaltbereiten Leute zur Stelle. Keine Diktatur hat jemals ein Personalproblem gehabt.“

Und trotz all der grauenvollen Ereignisse, trotz all der Enttäuschungen in der menschlichen Geschichte vertrauen wir einander. Warum? Dr. Jan Philipp Reemtsma: „Weil es ganz gut funktioniert, trotz der Enttäuschungen. Man vergisst gerne, was alles schief gehen könnte. Denn es geht ja gar nichts schief. Wenn jemand hier im Saal plötzlich durchdreht, dann wissen alle, was sie machen: die Polizei rufen. Wir wissen immer, was wir machen müssen. Das ist die gesellschaftliche Normalität, über die wir uns verständigt haben und über die wir nicht reden müssen.“

Text: Jana Leygraf, Fotos: Reiner Kruse