Pflegeeltern gesucht

Kinder brauchen einen sicheren Ort zum Leben

Berufstätige Mütter, eigene Kinder werden früh in KiTas oder zu Tagesmüttern gegeben, immer weniger Zeit, starke gesellschaftliche Veränderungen, medizinischer Fortschritt durch Kinderwunschbehandlungen – die Gründe, warum weniger Menschen Pflegekinder bei sich aufnehmen sind vielfältig. Die Kinder, die umgehend ein neues, sicheres Zuhause benötigen, sind aber ebenso zahlreich.

„Wir suchen Pflegeeltern gesucht Mit einer neuen Plakat-Kampagne hofft der Pflegekinderdienst, mehr Menschen zu erreichen, die Kindern einen Ort bieten, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen. dringend Menschen, die ein Pflegekind aufnehmen wollen“, so Alexandra Mielke vom Pflegekinderdienst der Stadt Herten, zuständig für Westerholt/Bertlich. Ihre Kollegin für Scherlebeck und Langenbochum, Nicole Kühlkamp, ergänzt: „Wir suchen Familien oder Paare, die sich entweder für eine vorübergehende, zeitlich begrenzte Bereitschaftspflege oder eine langfristige Pflegesituation anbieten würden.“

In beiden Fällen können das Familien, Paare in einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft oder auch geeignete Einzelpersonen sein. Alexandra Mielke: „Da sind wir überhaupt nicht festgelegt. Die Hauptsache ist, den Kindern geht es dort besser, sie bekommen eine Perspektive, erfahren Geborgenheit, Zuwendung und Förderung.“

Fehlende Vermittlungsmöglichkeiten bedeuten kompliziertere Wege für alle. „Das finden wir für die Kinder nicht gut, und es wird auch schwieriger, sie zu betreuen, zum Beispiel bei Besuchsregelungen mit den leiblichen Eltern“, sagt Alexandra Mielke. Denn allein gelassen wird niemand - der Pflegekinderdienst bereitet alle Beteiligten auf die neue Situation vor, begleitet und berät fachlich und bietet entlastende Hilfen. Ein Austausch mit anderen Pflegeeltern kann Rückhalt geben, auch eine finanzielle Unterstützung gibt es vom Amt.

Die Chemie muss stimmen

„Wer sich für die Aufgabe als Pflegefamilie interessiert, bekommt von uns eine umfassende Beratung“, fügt Elisabeth Raspel (Herten-Süd) hinzu. „Dann sprechen wir über Voraussetzungen, Vorstellungen, Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis etc., und wir blicken auch auf die Wohn- und Lebenssituation der Interessierten.“ Dabei ist es für alle wichtig, dass es einen „Realitätsabgleich“ gibt. Mielke: „Was kommt auf das Kind zu? Was auf die Pflegestelle?“ Die Vorgeschichte der Kinder, die ein neues Zuhause suchen, ist individuell. „Wir reden von Säuglingen, von Kindergartenkindern, von Grundschulkindern.“ Deswegen ist der Abgleich – welches Kind passt zu wem? – ungeheuer wichtig. Keine Rolle spielt, ob es sich bei dem neuen Zuhause um eine funktionierende Patchworkfamilie, ein lesbisches oder schwules Paar oder Alleinerziehende handelt. Wenn die Voraussetzungen stimmen, natürlich. „Für manche Kinder wären gerade zwei Frauen als Rollenmodelle besser, für andere zwei Männer.“

Wichtig ist den MitarbeiterInnen des Pflegekinderdienstes – zu dem Team gehört auch Jürgen Wehr, zuständig für Herten-Mitte – dass es keine Hemmungen geben muss, sich zu melden. Alexandra Mielke: „Über die Details und Fragen reden wir gerne im persönlichen Gespräch – aber wir freuen uns über jeden einzelnen, der sich meldet und Interesse zeigt.“


Die Geschichte der kleinen Jasmin: Ein Fallbeispiel

Die Vorgeschichte:
Die im Juni 2016 geborene Jasmin hat bisher eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Die Schwangerschaft war durch Drogen und Alkoholkonsum der leiblichen Mutter belastet. Die Geburt verlief normal. Kurze Zeit später trennten sich die unverheirateten Kindeseltern. Zu diesem Zeitpunkt versuchte das Jugendamt bereits auf das Zusammenleben von Mutter und Tochter Einfluss zu nehmen. Es wurden Absprachen getroffen und eine sozialpädagogische Familienhilfe eingesetzt. Anfang Oktober 2016 musste die Kindesmutter eine Arreststrafe ableisten. Jasmin wurde im Haushalt von Verwandten betreut. Nach dem Ende der Arrestzeit wurde mit ihr erneut eine Zusammenarbeit verabredet. Zusätzlich sollte eine Helferin regelmäßig nach Kind und Mutter sehen. Leider konnte die Kindesmutter die Hilfe nicht annehmen. Anfang März wurde Jasmin aufgrund einer Kindeswohlgefährdung vom Jugendamt in Obhut genommen.

Die Bereitschaftspflegefamilie:
Jasmin wurde in eine Bereitschaftspflegefamilie gebracht. Diese Familie stand für die Zeit der Perspektivklärung zur Verfügung. In dieser Zeit konnte Jasmin zur Ruhe kommen und ihre Bedürfnisse wurden zuverlässig versorgt. Alle medizinischen Fragen wurden abgeklärt. Anfang April 2017 wurde durch das Familiengericht der Kindesmutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Kind Jasmin entzogen. Außerdem bestellte der Richter eine Gutachterin mit dem Prüfauftrag, ob die Kindesmutter erziehungsfähig sei. In dieser Zeit hatte die Kindesmutter das Recht, Jasmin in Anwesenheit des Jugendamtes, zu sehen. Es fanden sogenannte begleitete Besuchskontakte statt. Diese wurden dokumentiert und mit der Pflegemutter bezüglich Jasmins Reaktionen reflektiert. Die

Suche nach geeigneten Pflegeeltern:
Der Pflegekinderdienst suchte schon in dieser Phase nach geeigneten Pflegeeltern. Gesucht wurden Pflegeeltern, die Zeit und Kraft und das Interesse haben, dauerhaft Eltern von Jasmin zu werden. Diese Familie wäre bereits die 4. Familie für Jasmin. Diese Wechsel der Bezugspersonen haben Spuren hinterlassen. Spuren haben auch die extreme Unruhe, der Jasmin bei der Mutter ausgesetzt war und die Unzuverlässigkeit in Bezug auf Trinken, Essen, Schlafen usw. Jasmin wird in der aufzunehmenden Familie eine feste Bezugsperson einfordern. Sie wird diese in der ersten Zeit ausschließlich für sich beanspruchen. Deshalb sollten Kinder, die es evtl. schon in der Familie gibt mindestens vier Jahre älter sein als Jasmin. Sie braucht in den ersten Monaten in ihrer neuen Familie eigentlich all das, was man normaler Weise Kindern in ihren ersten 12 Lebensmonaten zugesteht. Sie muss die Möglichkeit bekommen, in relativ kurzer Zeit noch einmal die Entwicklungsphasen von der Geburt bis jetzt nacherleben zu dürfen.

Die Vermittlung in eine Dauerpflegefamilie:

Das vom Familiengericht geforderte Gutachten kam zu dem Schluss, dass die Kindesmutter aufgrund multiplen Problemen nicht mit Jasmin zusammenleben kann. Der Kindesmutter wurde das Sorgerecht entzogen und auf das Jugendamt der Stadt Herten übertragen. Im Juni 2017 wurde eine passende Dauerpflegefamilie gefunden. Den Bewerbern wurde Jasmins Geschichte genau erzählt und sie erhielten alle Informationen die über das Kind bekannt waren. Nach reiflicher Überlegung wollten die Bewerber Jasmin kennenlernen. Die Zeit der Kontaktanbahnung folgte. Diese wurde eng von den Mitarbeitern im PKD begleitet. Jasmin lebte fünf Monate in der Bereitschaftspflegefamilie. In der Kontaktanbahnung spielte die Bereitschaftspflegemutter eine entscheidende Rolle. Sie ist in dieser Zeit der Perspektivklärung zum Experten für Jasmin geworden. So konnte sie den neuen Eltern alles über Jasmin berichten. Sie musste in diesem Prozess Jasmin weiterhin Sicherheit geben, sie jedoch auch mit den neuen Eltern anfreunden und langsam loslassen. Die Dauer der Kontaktanbahnung ist individuell unterschiedlich. Das Tempo gibt das Kind vor. Nach zwei Wochen des intensiven Kennenlernens zog Jasmin in ihrer neuen Familie ein. In der Familie lebte schon die sechsjährige leibliche Tochter der Familie, an der sich Jasmin in der Zeit der Kontaktanbahnung sehr orientierte. Weiter fiel auf, dass sie sich zur Pflegemutter hingezogen fühlte, zum Pflegevater jedoch distanziertes Verhalten zeigte. Heute ist Jasmin 2,5 Jahre alt und lebt seit 1,5 Jahren in ihrer Dauerpflegefamilie. In dieser Zeit hat sie sich gut entwickeln können, benötigt jedoch auch weiterhin Zeit, all die negativen Erlebnisse und die vielen Beziehungsabbrüche zu verarbeiten. Sie befindet sich in dem sensiblen Prozess des Aufbaus von Eltern- Kind – Beziehungen.

Text: Mareike Graepel • Fotos: Markus Mucha




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