Müttersöhnchen

Mutter, Mutter, Kind: Lennart (2) wächst mit zwei Mamas auf.

„Lennart, wo ist die Mama?“ Schlagartig stoppt das Surren des Spielzeug-Akkuschraubers. Der kleine Mann sondiert die Lage: Rechts sitzt Dorothee Hoffs, seine Mama. Und links Nadine Hoffs – ebenfalls seine Mama. Lennart streckt den Arm aus und zeigt auf Nadine. „Seit der Geburt nennen wir Doro immer Moder, das Plattdeutsche Wort für Mutter, und mich Mama“, sagt Nadine Hoffs. Lennart ist zwei Jahre alt und wächst mit zwei Müttern auf. Vor anderthalb Jahren haben Nadine Hoffs aus Westerholt und Dorothee Waschk aus Herten-Mitte ihre Lebenspartnerschaft eingetragen. Nächstes Jahr möchten sie, jetzt, wo es endlich möglich ist, noch einmal „richtig“ heiraten. Das Paar kennt sich seit der Schulzeit: Beide besuchten die Erich-Klausener-Realschule. 20 Jahre später fanden sich Dorothee und Nadine bei Facebook wieder, wenig später funkte es. An Nadines 38. Geburtstag hielt Dorothee um ihre Hand an – da war Nadine schon schwanger. Lennarts Vater, einen Psychologiestudenten, hat das Paar übers Internet gefunden. Der junge Mann hat bereits mehrere Kinder – und nimmt, sofern es sein Sohn einmal wünscht, gerne Kontakt zu ihm auf.

„Die Leute müssen uns einordnen“

Ein gleichgeschlechtliches Paar mit Sohn – wie kommt das an, im Kindergarten, auf der Arbeit, im Supermarkt? „Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Nadine, und Dorothee ergänzt: „Das liegt wohl auch daran, dass wir so offen damit umgehen.“ Neugierigen Fragen muss sich die Familie dennoch ab und an stellen: Wer der männliche Part in der Beziehung sei, ob Lennart Dorothee „Papa“ nenne und ob dem Jungen nicht der Vater fehle – „das werden wir so oft gefragt“. Die Mamas reagieren mit entwaffnender Ehrlichkeit. Erklären, dass keine von beiden „eher der Mann“ sei, bei Alleinerziehenden auch der Vater „fehle“, und zeigen Verständnis. „Die Leute müssen uns einsortieren. Gerade bei mir sind viele überrascht, dass ich lesbisch bin. Weil ich optisch in keine Schublade passe“, lacht Nadine Hoffs.

„Mehr Wunschkind geht nicht“

Ihre Frau Dorothee outete sich mit 26. An Heiligabend schwere Kost: Die katholische Familie muss die Nachricht erst verdauen. Auch, als Lennart unterwegs ist. Drei Enkelkinder haben die Großeltern schon, aber bei dem vierten bräuchten sie etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen. Dann leidet Nadine an einer Schwangerschaftsvergiftung, das Baby ist schwach und kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Die Oma besucht die Beiden im Krankenhaus – und verliebt sich Hals über Kopf in den kleinen Schopf. „Ein Gänsehautmoment“, sagt Dorothee Hoffs. Seither wird die Oma nicht müde zu betonen, dass sie keine Unterschiede mache: Lennart kommt oft und gern und bleibt über Nacht. Auch Nadines Eltern freuen sich: „Nach 12 Jahren noch ein Enkelkind – damit haben sie nicht gerechnet, erst recht nicht auf die Art und Weise.“ Was bleibt, ist eine bürokratische Hürde. Als leibliche Mutter gilt Nadine aktuell als Alleinerziehende, die Adoption ist noch nicht durch. Das Jugendamt war zu Besuch, männliche Bezugspersonen müssen benannt und Werte der Erziehung vermittelt werden. Ende November steht der Gerichtstermin an. Läuft alles gut, darf auch Dorothee Lennart offiziell „ihren Sohn“ nennen. „Absurd“, sagt Nadine, „mehr Wunschkind geht ja nicht und Lennart wird mit so viel Liebe großgezogen.“ Und bei Lennarts Opa habe schließlich auch niemand nach männlichen Bezugspersonen gefragt. Dabei sei er nach dem frühen Tod seines Vaters im Krieg von zwei Frauen großgezogen worden.