Bergarbeiter

Zwei Profis bezwingen die Haldenlandschaft auf dem E-Mountainbike

Auf den künstlichen Bergen mitten im Ruhrgebiet hat sich ein spektakuläres Singletrailparadies entwickelt. Freerideprofi Holger Meyer hat zusammen mit Mountainbikepionier Eddie Wagner die Haldentrails per E-Mountainbike gecheckt.

Um es mit einem Zitat aus dem Kohlenpott-Kultfilm „Radio Heimat“ zu sagen: „Damals war auch Scheisse“. Die Karren waren knallharte Knochenbrecher, Singletrails weder im Wortschatz noch im Boden vorhanden und ein Motörchen am Bergrad pure Phantasterei. Mountainbiken im Ruhrgebiet war für Freaks, die sich „aus nix was draus“ machten.

Fast forward in die knalligbunte Gegenwart: Freerideexperte Holger Meyer öffnet die Heckklappe seines Bullis. Ein wahrgewordener Biketraum rollt auf den Parkplatz am Fuß der Halde Hoheward, dem größten von Menschen erschaffenen Mittel­gebirge Europas und Mountainbike Hotspot Nummer Eins der Metropole Ruhr. Das wird ein Höllenspaß!Trailcrack Holger entfährt ein ent­husiastisches „Boa Ey!“ Wir schalten die Antriebe ein und rollen von der historischen Zeche Ewald bergan, um den Trails auf den Zahn zu fühlen. Da sind auch schon die ersten Wegweiser. Ein durchstrichenes Fußgängersymbol verspricht frei Fahrt für Freerider.

Ein Wegweiser schickt uns steil links hoch, schon geht es los mit dem Trailvergnügen. Der schmale Pfad zieht zäh berghoch und schmiegt sich dann lang und kurvig an der Halde entlang. Idealer Stoff für elektrische Mountainbikes. Holger sagt: „Bei der Planung waren Experten am Werk. Das fährt sich richtig gut.“ Extrem giftige Anstiege wechseln sich mit flowigen Singletrails ab um per Haarnadelkurve in die Downhillpassagen abzutauchen.

Die Bikes mit dem tiefen Schwerpunkt und dem elektrischen Extrakick sind in ihrem Element. Je höher wir auf der Halde biken, desto weniger Büsche und Bäume wachsen. Das obere Drittel der Hohewardberglandschaft wird bewusst baum- und strauchfrei gehalten, für das gewisse „Almfeeling“. Nochmal kräftig reintreten und wir sind ganz oben, 151 Meter über dem Meer. Wir haben Wetterglück und volle Fernsicht. Unter uns brodelt das Ruhrgebiet. Es ist nur ein paar Generationen her, da war der Kohlenpott nicht mehr als Flachland mit ein paar Bauernschaften, Fiebersümpfen und einer handvoll Städten. Dann die industrielle Explosion, befeuert von Kohle und Stahl. Das Ruhrgebiet boomte. Heute leben mehr als fünf Millionen Menschen hier dichtgedrängt. Unser Blick schweift weit. Wir sehen das Stadion des FC Schalke 04, die Skyline von Essen, Raubvögel nutzen die Aufwinde, endlose Häusermeere, jede Menge Grün, Halden ohne Ende und Industrieflächen. Von hier oben entwickelt die Metropole Ruhr einen rauhen Charme und es gibt viel zu entdecken. Ein leichtes Kaffeearoma liegt in der Luft, ein grosser Lebensmitteldiscounter lässt in Haldennähe die Bohnen rösten. Der Funparkcharakter der Halde lässt leicht vergessen, dass diese Berge durch die jahrzehntelange, knallharte Arbeit der Kumpels unter Tage der Erde entrissen wurden.

Biken mit Pott-Panorama

Während unseres Päuskens mit Pott-Panorama kommt eine Abordnung des Edelhelfer-Biketeams um die Kurve gerauscht. Wir kommen ins Gepräch. Kim, Kathrin und Fabian sind unterwegs, um per E-Mountainbike Grundlage zu tanken. Die beiden Damen gehören zur Top Ten der deutschen Cross-Country-Elite und fahren Highend-Hardtails. Sie haben ein Transalp-Rennen in den Beinen und wissen voll Bescheid über alle Trainingstricks: „Für uns Lang­streckencracks sind die Motorbikes mittlerweile unentbehrlich. Das klingt paradox, aber stimmt. Wir können mit den E-Bikes auf der Halde beim Bergauffahren kontrolliert den Puls im grünen Bereich halten. Das ist extrem wichtig für ein erfolgreiches Ausdauertraining ohne die Gefahr des Über­trainings. Und es macht natürlich richtig Spass, ab und zu den Turbo reinzuknallen!“ Für Abfahrtscrack Fabian Seiffert hat das E-Bike noch einen Vorteil: „Die Dinger sind fantastisch, um an der Downhilltechnik zu feilen. Mit dem E-Bike kann ich 15 Mal den Berg hochdüsen. Ohne Motor schaff ich das drei Mal.“

Lange genug im kalten Wind rumgestanden, Time to ride on. Wir verkasematuckeln uns einen Trail, der sich wie gemalt die Haldenalm herabschlängelt um dann in verschieden stark gewürzten Kurven langsam im Tal auszu­laufen. Ganz grosses Kino! An allen Ecken und Kanten der Halde gibt es Mikro­trails und Verbindungspisten. Macht zusammen mit dem Nachbarberg Hoppenbruch locker 20 Kilometer Genuss ohne Reue und unliebsame Begegnungen, Beschimpfungen und Interessenskonflikte. Alles voll legal. Freerider Holger Meyer kommt immer mehr ins Staunen: „Ich bin entzückt über die Qualität der Trails hier. Und diese Landschaften! Du fährst ein paar Meter und bist in einem anderen Film. Von der Toskana ins Land der rauchenden Schlote in drei Minuten.“

Wir fahren weiter auf den Trails der kleinen Halde Hoppenbruch, dem Revier des Freerideclubs Herten. Der hat ganze Arbeit geleistet. Die Trails sind gespickt mit Jumps, Gaps, Drops, Tables und Doubles, sehr zur Freude von Trailmeister Meyer. Langsam gehen die Akkus leer. Wir genehmigen uns eine letzte schwarze Piste und schon wird es Zeit einzupacken. Zurück zur Zeche Ewald, wo der Bulli auf uns wartet. Unter einem still­gelegten Förderturm begegnen wir E-Mountainbiker Andreas Kleine auf seiner 29-Zoll Maschine, voll ausgerüstet mit Scheinwerfern und Gepäckträgersystem für den täglichen Einsatz als Pendlerfahrzeug. Der hat erstmal recht wenig übrig für Halden­romantik. „Ich muss jeden Tag 25 Kilometer nach Essen zur Arbeit fahren“ sagt der IT-Fachmann. Er benutzt sein E-Mountainbike, um dem Verkehrschaos im Ruhrgebiet zu entwischen, nebenbei Spaß zu haben und etwas für die Fitness zu tun. Auf seinem Weg zum Job profitiert er von einem erfreulichen Nebeneffekt der Halden: Um die Kohle zu transportieren, wurden Zechenbahntrassen angelegt, die nun zu Radwegen umgebaut sind. Oftmals fernab der Hauptverkehrs­strassen und idyllisch gelegen. Die Bike­highways sind bei Ruhrgebiets­radlern beliebt. Man fliegt praktisch fünf Meter über dem Boden dahin, kann in die Baumwipfel schauen oder in der Nähe des Zoos in Gelsenkirchen einen Blick auf den Braunbären erhaschen. So verbindet der gutausgeschilderte Radweg auf 230 Kilometern Länge etwa 20 Halden aufs pedelecfreundlichste.

In der denkmalgeschützten Zechenhaussiedlung am Fuss der Halde Hoheward genehmigen wir uns eine alkoholfreie Hopfenkaltschale direkt aus der Pulle in der Trinkhalle „Zum Ruhrpott“. Ja, die heißt wirklich so. Dann machen wir uns auf die Suche nach stilvoller Nahrung: Sprich Currywurst mit Pommes. Gar nicht so leicht zu finden, denn das Ruhrgebiet ist mit Döner überschwemmt worden. In einer schmucklosen Bretter­bude werden wir fündig. Seit 56 Jahren serviert „Döveling“ in Recklinghausen-Süd Pommes, Currywurst, halbe Hähnchen und Schaschlik ohne modernen Firlefanz in historisch korrekter Topqualität. Wir stürzen uns auf die Delikatessen und merken: „Damals war doch nicht alles Scheisse!“

Text und Fotos: Eddie Wagner

Info

Besucherzentrum Hoheward

Werner-Heisenberg-Straße 14
45699 Herten

Tel. 02366 1811-60

Cross-Country-Strecken

  • Die Halden Hoheward und Hoppenbruch gehören dem Regionalverband Ruhr (RVR). 2015 hat der RVR die sogenannte „Cross-Country“-Strecke mit einem professionellen Trail-Bauer angelegt und sorgt für die Pflege der Strecke.
  • Die Trails auf den Halden Hoheward und Hoppenbruch sind die zur Zeit ersten und einzigen offiziellen, ausgeschilderten Mountainbike-Strecken im Ruhrgebiet.
  • Lokale Radvereine wie der RC Buer/Westerholt und der Freeride Club Herten haben die Streckenpatenschaft für die Halden Hoheward und Hoppenbruch übernommen. Die Hoppenbruch-Trails wurden durch den Freeride Club Herten erstellt, der einen Pachtvertrag mit dem RVR hat. Die Kooperation gilt als Modellprojekt in der Region.
  • Der RVR plant derzeit weitere Mountainbike-Strecken auf der Schurenbachhalde in Essen. Diese sollen voraussichtlich 2018 befahrbar sein. Auch im Waldgebiet Haard (Haltern/Oer-Erkenschwick) soll eine dauerhafte Mountainbike-Strecke ausgewiesen werden. Anfang April nahmen 700 Teilnehmer an einer Testfahrt teil.
  • Das Besucherzentrum Hoheward bietet Cityrad-, Pedelec- und für Ensteiger einen Mountain­bike-Verleih an.