HWG: 100 Jahre, 1.000 Wohnungen

Ein Gespräch über Tradition und Trends mit Geschäftsführer Peter Griwatsch.

Wohnen bekommt wieder eine Brisanz – im Ruhrgebiet zwar noch nicht so wie in den Metropolen wie Hamburg, Berlin und München. Gibt es auch in Herten Wohnungsmangel?

Peter Griwatsch: Der Wohnungsmarkt in Herten ist nach wie vor entspannt. Das mag in Bochum und Essen anders sein, wo die Märkte überhitzen – aber bei uns haben wir damit noch keine Probleme. Solange wir in Herten noch Leerstand an Wohnungen haben, kann ich die Rufe der Politik nach bezahlbarem Wohnraum nicht nachvollziehen.

Welchen Bedarf sehen Sie denn im sozialem Wohnungsbau?

Aus unserer Sicht lässt sich der Neubau in diesem Segment nicht wirtschaftlich darstellen: In Herten liegt die zulässige Miete im sozialen Wohnungsbau bei 5,35 Euro – dafür können wir einen Neubau nicht erstellen; wir bräuchten eine Kostenmiete von 8,50 Euro. Ich sehe in diesem Segment allerdings auch keinen Bedarf in Herten. Wir haben selbst bei der hwg noch geförderte Wohnungen im Bestand, von denen einige zurzeit nicht genutzt werden.

Mit 1.082 Wohnungen in 181 Objekten ist die hwg eine feste Größe auf dem lokalen Wohnungsmarkt. Was tun Sie, um den Bestand zu erhalten?

Die hwg gibt in Herten 1,2 Millionen Euro pro Jahr für Instandhaltung aus. Wir modernisieren jährlich 30 bis 35 Wohnungen, und zwar im bewohnten Zustand – mit komplett neuen Badezimmern und neuem Versorgungsstrang. Das machen wir seit Jahren, um unseren Bestand attraktiv zu halten.

Welche Schwerpunkte setzen Sie bei der Modernisierung?

Energetische Sanierungen machen wir bei Bestandsbauten aus den 50er und 60er Jahren grundsätzlich nicht mehr, weil wir das Geld nicht an die Fassade hängen wollen. In erster Linie stecken wir Mittel in die Wohnungen – im Sinne der Mieter: Sie erfreuen sich tagtäglich viel mehr an einem neuen Badezimmer, an modernen Elektroinstallationen und sonstigem Komfort als an einer Fassade, die sie nur zweimal am Tag sehen.

Welche Wohntrends beobachten Sie?

Das Bedürfnis nach mehr Quadratmetern nimmt zu! Das geht auch bei Singles in Richtung 60 qm mit einem vollwertigen Schlafzimmer. Auch bei den Familien merkt man, dass die typischen 80 Quadratmeter mittlerweile zu wenig sind. Gerade bei Berufstätigen ist der Wunsch nach einem Arbeitszimmer groß, sicher auch, um bei Bedarf mal im Homeoffice arbeiten zu können.

Wie reagieren Sie auf die wachsende Nachfrage nach Barrierefreiheit?

Hier haben wir schon früh vorgearbeitet. Seit 2006 versuchen wir bei jedem Bauprojekt grundsätzlich Barrierefreiheit mitzuplanen: Alle Objekte erhalten breitere Türen, Duschen mit niedrigem oder bodengleichen Einstieg und einen Aufzug. Zurzeit haben wir über 150 barrierefreie Wohnungen im Bestand. Das ist nicht nur gut für Ältere oder Menschen mit Handicaps, sondern bietet mehr Komfort für alle.

Was waren aus Ihrer Sicht die besten Projekte der letzten Jahrzehnte?

Wir haben seit 2006 echte Alternativen zum klassischen Geschosswohnungsbau geschaffen, z.B. im Waldviertel – mit sechs Dreifamilienhäusern und großzügigen Wohnungen, wo schon der Balkon 20 qm hat. Damit haben wir anspruchsvolleres Klientel in den Bestand bekommen, um eine gesunde Mischung zu erhalten. Das tut einer Genossenschaft gut. Die Nachfrage hat uns bestätigt, dass wir damit den richtigen Weg eingeschlagen haben.

Die hwg war in der 100-jährigen Geschichte über alle Krisen, Kriege oder Konjunkturen immer stabil. Wie steht das Unternehmen heute da?

Wirtschaftlich stehen wir sehr gut da. Wir sind zum Beispiel in der glücklichen Lage, den dritten Bauabschnitt unseres Bauprojektes in Backum, das sind 2,7 Millionen Euro, aus eigenen Mitteln finanzieren zu können.

Gab es auch schwierige Situationen?

2011 haben wir entschieden, unseren Altbestand an der Kirchstraße abzureißen. Wir mussten uns dazu durchringen, erst einmal Geld in die Hand zu nehmen und Häuser abzureißen, um dort dann etwas Neues aufzubauen. 24 Mietparteien sozialverträglich umzusiedeln, davon die meisten im eigenen Bestand der hwg – das war schon eine Herausforderung. Heute sind wir froh, dass uns dieser Prozess gelungen ist.

Die Zinssituation wird günstig bleiben. Wie beeinflusst das Ihre Planungen?

Das Zinsniveau ist attraktiv und wird sicher auch so bleiben. Aber Bauflächen sind in Herten knapp – und das macht Mietwohnungsbau teuer. Wenn wir in der Zukunft neue Projekte angehen, werden wir eher über Neuentwicklungnen auf eigenen Grundstücken nachdenken, so wie jetzt an der Kirchstraße.

Sind Genossenschaften als Modell heute noch zeitgemäß?

Ja, ganz sicher. Kommunen denken wieder darüber nach, Wohnungsgenossenschaften zu gründen; immer wieder bekommt unser Verband Anfragen – das ist eine moderne Wohn- und Gesellschaftsform, weil wir nicht der Rendite verpflichtet sind, sondern in erster Linie dem Wohl unserer Mitglieder.

Das Interview führte Stefan Prott

Foto: Markus Mucha, Hertener Stadtarchiv und Hertener Wohnstättengenossenschaft eG

Info

Hertener Wohnstättengenossenschaft eG
Geschäftsführer: Peter Griwatsch
Gartenstraße 49 · 45699 Herten Tel. 02366 10090
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