Smart an den Start

Ein Gespräch über Chancen und Hindernisse auf dem Weg zur digitalen Stadt

E-Government, CityApps, Onlineshops lokaler Händler, Medienkompetenz im Lehrplan verschiedener Bildungseinrichtungen – Herten und Umgebung haben den Pfad zur „Smart Region“ betreten und gehen mit großen Schritten voran. Was macht eine Stadt smart? Welche Rolle spielt die Digitalisierung und wie verändert sie die Menschen und Organisationen unserer Stadt? HERTEN ERLEBEN hat darüber mit Peter Karst, Geschäftsführer der WiN Emscher-Lippe, Horst Stoffner, Geschäftsführer der Prosoz GmbH, sowie Ramona Eifert vom Projekt CityApp der Stadt Herten gesprochen.

 

Im Juni hat die Stadt einen neuen digitalen Service auf den Weg gebracht: Die CityApp. Was leistet sie und wie ist die Resonanz?
Ramona Eifert: Knapp 1.200 User haben die CityApp bisher runtergeladen. Die App hat fünf Module. Es gibt eine Online-Karte mit Sehenswürdigkeiten, News aus dem Rathaus, einen Abfallkalender mit Erinnerungs- Funktion und den Mängelmelder „Sag‘s deiner Stadt“, über den Bürger zum Beispiel Schlaglöcher melden können. Die Meldung wird dann automatisch an die zuständigen Ansprechpersonen im Rathaus weitergeleitet. Eine Funktion, die nicht nur für Bürger praktisch ist: Das neue zentrale Beschwerdemanagement erleichtert auch den Kollegen in der Verwaltung die Arbeit. Wir hoffen, künftig auch die Anliegen, die telefonisch oder per Mail reinkommen, über dieses System bearbeiten zu können. 

Sind noch weitere Funktionen geplant?
Ramona Eifert: Wir haben ganz viele Ideen, sind aber abhängig von unserer finanziellen Situation. Ein Kita-Navigator wäre denkbar, ein Spielplatz-Finder. Aber so etwas wie „Scanne deinen alten Pass und wir stellen dir einen Neuen aus“, das kann man noch nicht über Apps lösen, auch wenn eine Art „Bürgerbüro für die Handtasche“ auf lange Sicht natürlich wünschenswert wäre.

Macht eine App eine Stadt smart?
Horst Stoffner: Nein.
Peter Karst: Naja, City-Apps sind ein tolles Produkt, aber mittlerweile auch schon Standard. Was jetzt gerade kommt, ist der GovBot.
Horst Stoffner: Also interaktive technische Vorrichtungen, die ohne einen Menschen im Rathaus die Auskunft erbringen, wie der Abfallkalender in der CityApp. 
Peter Karst: Aber auch der GovBot ist letztlich, genau wie die App, nur eine andere Tür in die Verwaltung. Smart ist für mich nicht, auf Teufel komm raus alles zu digitalisieren. Sondern smart ist der Prozess, das gemeinsame Überlegen: Was ist unser Problem und wie lösen wir das? Zum Beispiel Verwaltungsaufgaben so geschmeidig und transparent zu gestalten, dass sie einen Mehrwert für die Bürger und Verwaltungsmitarbeiter haben - und eine Lösung dafür ist eben das Digitale. Aber „smart“ nur mit „digital“ gleich­zusetzen, finde ich zu kurz gegriffen.
Horst Stoffner: Für mich heißt smart einfach, dass wir Aufgaben und Digitalisierung zusammenbringen und dabei gute Lösungen schaffen. Wenn wir uns jetzt Smart Cities wie zum Beispiel Hamburg anschauen, für die heißt smart, dass ein Containerschiff, das irgendwo eine Woche vor Hamburg liegt, seine Daten vorab digital an eine Spedition senden kann. Und der Wagen, der den Container abladen soll, wird dann genauso getaktet, dass er hinter dem LKW parkt, auf den die Ware soll, nachdem die Ladung gelöscht wurde. Das ist das, was ich unter Smart City verstehe. Softwarelösungen, die wie im Fall Hamburg, den Verkehrskollaps verhindern. Und da ist die CityApp erstmal ein Anfang. Viele Verwaltungen sind sehr zögerlich, aber sie tun die ersten Schritte.
Peter Karst: Da muss ich widersprechen. Es ist wichtig, nicht zu sagen, wir machen jetzt alles digital, weil digital sexy ist, sondern die Frage ist, was ist interessant im Sinne von Verwaltung, im Sinne von Menschen und Unternehmen. Und wenn ich etwas finde, dann kann ich das auch standardisieren und digitalisieren. Deswegen war ich der Landesregierung so dankbar, als der ehemalige Wirtschaftsminister Garrelt Duin mit dem Projektaufruf „UMBAU21 – Smart Region Emscher-Lippe“ gesagt hat, wir stecken 30 Millionen Euro darein, um diese Region genau in dem Bereich zu entwickeln und Kopf der regionalen Digitalisierung zu werden. Wir sind in der Emscher-Lippe-Region 13 Kommunen, mit drei Rechenzentren und Dienstleistern wie Prosoz - wir sind schon smart! Und im Moment ist man eben dabei, weitere Projekte in Form zu gießen.  

 

 

Sind Unternehmen und Verwaltungen mit der Digitalisierung überfordert?
Horst Stoffner: Im Moment können wir die Möglichkeiten der Digitalisierung gar nicht umfassend nutzen. Die Technik ist da, das ist nicht das Problem. Aber wir können sie nicht nutzen, weil zum Einen die Verwaltungen noch sehr traditionell organisiert sind, und zum Anderen die finanziellen Mittel fehlen.
Peter Karst: Und die personellen Ressourcen.
Horst Stoffner: Das glaube ich nicht. Was fehlt, ist die Bereitschaft in den Behörden, sich dementsprechend umzuorganisieren. Schade, denn Verwaltung ist für uns ein wichtiges Rückgrat. Und da kann Digitalisierung super helfen und damit muss jetzt angefangen werden. Das ist ganz wichtig.
Ramona Eifert: Ich möchte da aber auch durchaus einmal einwenden, dass es für uns als traditionell aufgestellte Verwaltung vor allem deshalb schwierig ist, weil wir keinen genehmigten Haushalt haben. Wir können eben nur das ausgeben, was wir per Gesetz ausgeben müssen - und da sind bestimmte Projekte einfach nicht drin.
Horst Stoffner: Das habe ich ja eben gesagt, es fehlt an finanziellen Mitteln. Aber da passiert ja auch was, die Bundesregierung drückt ja gerade auf´s Gas. Die Verwaltung bzw. die Kommunen müssen das Geld aber auch einfordern! Dennoch wird die Digitalisierung hier nicht in einem konzertierten Akt passieren, sondern in unterschiedlichem Tempo. Denn IT ist erstmal ziemlich seelenlos, bis sie von Menschen eingesetzt, gestaltet und angewandt wird. Und hier müssen wir alle beteiligen und die teilweise großen Ängste sehr ernst nehmen.

Wie haben Sie die Einführung der App in der Stadtverwaltung erlebt?
Ramona Eifert: Bei uns ist Arbeits­verdichtung natürlich ein großes Thema. Wir sind durch den Stärkungspakt angehalten, zu sparen, finanziell und personell, Stellen werden nicht neu besetzt. Da fiel es natürlich schwer zu vermitteln: Diese App erleichtert eure Arbeit. Denn es ist erstmal etwas, was hinzukommt, sprich Mehrarbeit. Jetzt nutzen die Kollegen den Meldedienst und das neue Workflowsystem. Manche sind noch skeptisch, aber wir haben auch junge Kollegen direkt von der Uni, die sich freuen, digital zu arbeiten.
Peter Karst: Ein wichtiger Punkt! Als wir angefangen haben mit der Entwicklung des E-Government-Projektes, haben wir gemerkt, dass in den Gesprächsrunden von Woche zu Woche das Ambiente besser wurde. Wir müssen klar machen: Digitalisierung nimmt keinem was weg, sondern es geht um smarte Lösungen für deinen Job, dass du dich in der Verwaltung wieder auf das Wesentliche konzen­trieren kannst - und das ist Menschen helfen, nicht Akten verwalten. Das können Maschinen besser. 
Horst Stoffner: Dennoch: Es wird nicht für jeden einen neuen Job geben, da sind die Ängste berechtigt. Aber es ist die Aufgabe der Politik und der Verwaltungsspitze, Digitalisierung nach vorne zu treiben und die Menschen mitzunehmen. Dann sehe ich viele Chancen in der Smart Region. Ein Beispiel: Prosoz sitzt auf Zeche Ewald. Wo früher Kohle war, ist heute Hightech. Aber es fällt schwer, hier qualifizierte Kräfte zu finden. Am besten wäre es, in der Region selbst dafür zu sorgen, dass es genügend Nachwuchskräfte aus dem MINT-Bereich gibt.
Peter Karst: In der Emscher-Lippe- Region leben eine Million Einwohner, darauf kommen 27.000 Studien­plätze, da sehe ich auch ein Problem.
Horst Stoffner: Da müssen wir richtig dran arbeiten. Aber ich bin noch unzufrieden mit der Unterstützung, ich würde mir viel mehr wünschen, auch in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen den Städten. Aber wenn da mal richtig Zug reinkommt, wird das hier echt ein Powerhouse. Da freu ich mich drauf.

Viele Entwicklungen sind ja bereits angestoßen.
Horst Stoffner: Ja. Und wir haben viele geile Firmen hier. Aber zum Beispiel auf Ewald, da hätte ich mir weitere IT-Firmen gewünscht, aber jetzt ist ja alles für die Motorworld reserviert, aus meiner Sicht eher Arbeitsplätze in Niedriglohnsektor. Das tut mir im Herzen weh.
Peter Karst: Aber in der Gewerb­lichen Mitte Recklinghausen- Blumenthal und im NewPark kann Smart Region jetzt losgehen! Ja, manchmal dauert‘s viel zu lange, aber dafür ist es umso schöner, wenn der gordische Knoten irgendwann platzt. Man kann ihn nicht mit dem Schwert zerschlagen, weil der Strukturwandel noch läuft - wir müssen eben friemeln, bis er aufgeht.

Warum ist Herten für Sie jetzt schon eine smarte Stadt?
Ramona Eifert: Wir haben viele Verwaltungsleistungen online verfügbar. Außerdem sind wir smart, weil wir trotz angespannter Haushaltslage einfach angefangen haben und auf einem guten Weg sind. Wir sind bestimmt nicht so schnell wie andere Städte mit anderen Möglich­keiten, aber ich glaube, das Anstoßen allein ist smart.
Horst Stoffner: Herten ist auf keinen Fall schlechter als andere Regionen, sondern gerade mit den letzt genannten Initiativen auf einem guten Weg, smarter zu werden.
Peter Karst: Herten ist eine smarte Stadt, weil man seinerzeit die kluge Entscheidung getroffen hat, mit Prosoz eine Tochtergesellschaft zum Thema Datenverarbeitung zu gründen. Welche Stadt hat das denn damals gemacht? Die Haltung ist schon da, man beschäftigt sich mit Zukunftstechnologien. Wasserstoff, Prosoz, die Beteiligung an der WiN Emscher-Lippe im Jahr 1990, jetzt an der Breitbandkoordination – Herten sieht hier sehr frühzeitig Dinge, die sich entwickeln können, auch wenn sie weit vom Markt sind, und bleibt dann konsequent dran. Das finde ich extrem smart, dieses Dranbleiben und Überzeugtsein.