Pünktlich, fleißig, selbstständig

Pünktlich, fleißig, selbstständig

Jacob A. sitzt mit Detlev, Elke und ­Maximilian Knebel am Tisch hinter dem Empfangsbereich des Malerbetriebs Knebel in der Schlossstraße. Hier hat der Ghanaer seit August eine Malerausbildung und vielleicht auch eine Zukunft in Deutschland gefunden. Der 22-Jährige wirkt unsicher und schüchtern, weiß nicht, ob er überhaupt so in die Öffentlichkeit will. Er befürchtet, er könne damit Neider auf den Plan rufen; jemand könne ihm die Ausbildungsstelle nicht gönnen. Dabei würden wohl die wenigs­ten ihre Biografie gegen die des Westafrikaners tauschen wollen. Familie und Freunde habe er in seiner Heimat nicht mehr, die er mit 14 verließ. So viel kommt heraus. Mehr über diese Zeit will der traumatisierte junge Mann nicht erzählen, dessen Deutsch noch sehr gebrochen ist.

Er reiste zu einem Onkel nach Tripolis in ­Libyen und blieb dort drei Jahre. Der war Maler, und Jacob arbeitete im Betrieb mit. 2010 starb der Onkel. Eine arabische Familie kümmerte sich um ihn, doch dort konnte er nicht bleiben. Sein Ziel: Europa. Die Familie half ihm, bezahlte die Überfahrt nach Lampedusa und Italien – eine Fahrt vom Regen in die Traufe. Jacob hatte keine Unterkunft, lebte auf der Straße. Mit dem Zug gelang er schließlich über Frankreich nach Deutschland. 2012 war das. Die Erstaufnahmestelle in Dortmund wies ihm das Flüchtlingswohnheim in Herten in der Gartenstraße zu.

„Da war es ok“, sagt Jacob. „Die meisten Leute in Herten waren nett.“ Hilfe erhielt Jacob beim Haus der Kulturen. Er bekam eine kleine Wohnung, die er selbst ­renovierte. Das hatte damals auch AWO-Migrationsberaterin Ebru Uykun-Türk mitbekommen. Als eine andere Klientin auch renovieren musste, half Jacob mit. „Er hat so gut und routiniert gestrichen, dass mir die Idee kam, ihm eine Maler-Ausbildung zu vermitteln“, sagt Uykun-Türk. Den Malerbetrieb Knebel kannte sie bereits aus einem anderen Zusammenhang, und so absolvierte Jacob dort zunächst ein dreiwöchiges Praktikum. „Ich hab sofort gesehen, dass Jacob schon mal mit dem Pinsel gearbeitet hat“, sagt Inhaber Detlev Knebel. „Er war topmotiviert, selbstständig, immer pünktlich und sehr fleißig“ – etwas, das längst nicht mehr selbstverständlich sei.

 

Aus rein wirtschaftlichen Erwägungen ­hätte Knebel den jungen Flüchtling aber wohl nicht eingestellt. Er habe auch den Vergleich zu seinen beiden anderen Azubis gesehen, denen es in Deutschland an nichts fehle: „Jacob hatte nichts. Ich kann nicht allen helfen, aber dem einen. Ich musste auch an meine eigenen Jungs denken“, so der zweifache Familienvater, dessen Söhne beide in dem 30-Mann-Betrieb mitarbeiten. Bereut habe er es bislang nicht: „Jacob ist ein guter Junge.“

Allerdings wünscht er sich mehr Unterstützung. „Ich bin überall mit Jacob hingegangen: zum Ausländeramt, zur Krankenkasse, zur Handwerkskammer, sogar zu Bürgermeister Uli Paetzel.“ Der habe ihm gesagt, dass Jacob ­wenigstens bis zum Ende der Ausbildung in Deutschland bleiben könne, denn Jacob wartet noch immer auf die Entscheidung seines Asylverfahrens. Ohne gesicherten Aufenthaltsstatus hatte er bis vor kurzem kein Recht auf einen Integrationskurs. „Das hat sich erst kürzlich geändert“, sagt Migrationsberaterin Ebru Uykun-Türk. Doch bislang scheiterte es an einem Termin im Abendbereich, nach der ­Arbeitszeit.

Uykun-Türk will nun bei einem weiteren ­Anlauf helfen. Denn die Sprache sei die Basis für alles, aber derzeit auch die größte Herausforderung in der Flüchtlingsarbeit. Und mit Ausbildung und Job hätte Jacob ganz gute Chancen, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. Detlev Knebel jedenfalls ist dafür offen: „Wir sind eine echte Multi-Kulti-Truppe, und bei uns funktioniert das wunderbar.“

Text: Jörn-Jakb Surkemper • Fotos: Marco Stepniak

Info

Malerbetrieb Detlev Knebel
Schlossstraße 32
45701 Herten

0209 357419
www.malerbetrieb-d-knebel.de