Serie: Neue Energien Pionier sein

Hertener Stadtwerke-Geschäftsführer Thorsten Rattmann im Interview

Herr Rattmann, die großen Energieversorger ächzen unter der Last der Energiewende. Die
Hertener Stadtwerke scheinen davon weit weniger betroffen zu sein. Was haben Sie anders gemacht?

Thorsten Rattmann: Wir haben nicht in verlustbringende Kohlekraftwerke investiert, sondern nur in ein Gaskraftwerk, und das hatte sich vor den enormen Einschnitten der Energiewende schon weitgehend rentiert. Was anderen Versorgern heute Probleme macht, ist somit an uns vorbeigegangen.

Gibt es auf dem umkämpften Energiemarkt andere Tendenzen?

Ja, denn die Energiewende hat eine zweite Dimension auf der Kundenseite. Da geht es um Vertrauen, auf diesem Feld haben wir uns als Stadtwerke eine gute Position erarbeitet. Wir werden nicht als anonymer Energielieferant wahrgenommen, sondern als fairer Versorger, der nicht jeder Billig-Welle hinterherschwimmt, und als verläss­licher Partner, der vor Ort vieles mehr ermöglicht wie zum Beispiel den Betrieb der Bäder und unser lokales Engagement zur Förderung von Sport, Kultur, Bildung. Wir merken im Kunden­kontakt, dass das wahrgenommen wird und unseren Kunden wichtig ist.

Ihre Mitbewerber geben gerade Millionen aus, um sich ein grünes Image zu geben. Wie wichtig ist Glaubwürdigkeit für die Stadtwerke?

Als kommunales Unternehmen profitieren wir davon: Wir haben eine hohe Treue – mit immer noch
über 90 Prozent der lokalen Verbraucher, die bei uns sind. Das führen wir darauf zurück, dass wir ein glaub­würdiger Anbieter vor Ort sind, dem man seine Ziele und Förder­konzepte abnimmt.
 
Welche Rolle spielt denn das Hertener Klimakonzept für Ihre Arbeit?

Es ist nachhaltig: Wir sehen uns verpflichtet, uns in der Energie­wende in Richtung einer emissions­armen, klimaneutralen Energie­erzeugung zu bewegen. Unsere Kunden spiegeln uns, dass ihnen der Klimaschutz und unser Beitrag in Herten wichtig sind.

Die Hertener Stadtwerke haben sich früh ins Offshore-Geschäft gewagt. Wie bewerten Sie das heute?

Das war eine Pionierleistung – denn der Windpark vor Borkum ist der erste rein kommunale Off­­s­hore-Windpark Europas. Da ist etwas geschaffen worden, auf das wir stolz sind, auch wenn die Rendite-Erwartungen vielleicht anfangs noch höher waren. Immerhin: Ein Windrad von den 40 gehört uns, es trägt auch unser Emblem und wirft eine ordent­liche Rendite ab. 

Wie groß ist die Leistung von Borkum?

Unser Anteil beträgt 3,7 Megawatt – das sind knapp 10 Prozent unserer Gesamtleistung. Und es geht ja weiter: Wir werden zum Jahreswechsel entscheiden, ob wir uns in der zweiten Stufe des Offshore-Ausbaus erneut engagieren. Da profitieren wir von der Lernkurve: Das neue Projekt istwesentlich risikoärmer. Insofern ist es denkbar, dass wir einen zweiten Anteil von zum Beispiel 2 MW übernehmen. Auch mit der Finanzierung von Projekten durch den hertenfonds waren die Stadtwerke Vorreiter in Deutschland.

Ein Modell auch für die Zukunft?

Bei den hertenfonds ging es nie nur darum, mit dem spitzesten Bleistift zu kalkulieren. Im Vordergrund stand der Gedanke, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen, für unsere Investitionstätigkeit zu begeistern und sie einzubinden. Diese Idee halte ich nach wie vor für richtig. Im Jahr 2018 wird der nächste hertenfonds auslaufen. Dann werden wir entscheiden, ob wir weitermachen und einen neuen Fonds auflegen.

Wie wird das Wohnen als neues Geschäftsfeld angenommen?

Wir sind mit den Hertener Siedlungen den richtigen Schritt gegangen: Das Ziel war, neue Wohngebiete jeweils mit energetisch sinnvoller Versorgung zu verbinden. Das ist uns meines Erachtens gelungen: sonne+, Freiwiese oder die Goethe-­Gärten sind Erfolgs­modelle, die frischen Wind in den Immobilien­-markt und Bewegung in die Stadt gebracht haben. Auch der Mühlen-hof erfreut sich einer großen Nachfrage.

Welche Herausforderungen stellen sich aus Ihrer Sicht noch in der Zukunft?

Es gibt immer mehr Wettbewerb, vor allem über den Preis. Deshalb müssen wir künftig andere Leistungen anbieten als nur die reine Energielieferung. Zum Beispiel im Rahmen eines Contractings, indem wir für unsere Kunden komplette Heizungsanlagen und Photovoltaik-Dächer vorfinanzieren und betreiben – immer zusammen mit dem lokalen Handwerk, mit dem Installateur vor Ort.

Können Sie sich weitere Geschäftsfelder vorstellen?

Es wird künftig noch viele weitere Themen geben, bei denen wir gefragt sind – zum Beispiel bei der Elektro­mobilität: Wir müssen der Ansprechpartner für die Lade-Infrastruktur der E-Mobilität sein. Sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum. Das wird unter anderem eine sehr wichtige Aufgabe der Zukunft.

Das Interview führte Stefan Prott.

Fotos: Marco Stepniak

Info und Kontakt

Hertener Stadtwerke GmbH

Thorsten Rattmann

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