Nach 120 Jahren

Artur Porr und Thorsten Rattmann im Interview

Die Urkunde weist Artur Porr (lediglich) als Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik aus. Der Blick auf die Karriere bei den Hertener Stadtwerken offenbart allerdings, dass der einstige Stadtwerke-Chef die komplette Klaviatur betrieblicher Anforderungen beherrschen und bespielen musste. Schmunzelnd räumt der inzwischen 84-Jährige sogar ein, als eine Art Daniel Düsentrieb aktiv gewesen zu sein: „Wir haben mitunter Techniken benutzt, die damals überhaupt noch nicht erprobt waren.“ Beispielhaft nennt der Pensionär die Umstellung von Kokerei- auf Erdgas. „In allen betroffenen Haushalten mussten die Brenner ausgetauscht werden!“

Neue Herausforderung: Copa
Seine Qualitäten als Multitalent musste er auch beweisen, als der gelernte Elektrofachmann plötzlich ein Freizeitbad errichten und betreiben sollte. Das berichtet der gebürtige Sieben­bürger-Sachse zum 120. Geburtstag der Stadtwerke, an deren Erfolgsgeschichte er 36 Jahre lang mitschrieb. Zu den Meilensteinen befragt, nennt Artur Porr den Auf- und Ausbau der Fernwärme. Dieses Projekt wurde auf Geheiß der Stadtverordnetenversammlung zwei Jahre vor seinem Dienstantritt im Berliner Viertel gestartet und in der Innenstadt fortgesetzt. Zum besagten Badbetreiber wurde Artur Porr 1986, als die Stadtwerke das Freibad Backum übernahmen. Erster Spatenstich fürs Freizeitbad Copa Ca Backum im selben Jahr, das dann im Sommer 1989 eröffnete. Das Bäder- Engagement ging auf Alfred Pusch zurück. Der Westerholter Ratsherr hatte die Idee aus Gelsenkirchen mitgebracht, wonach auf Basis eines steuerlichen Verbundes die Gewinne der Stadtwerke für Verluste der Bäder eingesetzt werden konnten. Überhaupt sei die Ortspolitik über die Jahre hinweg immer verantwortungsvoll mit den Stadtwerken umgegangen. Das betont Thorsten Rattmann, seit 2013 Geschäftsführer der Hertener Stadtwerke. Aktuell konzentriert er sich darauf, dass der Copa-Umbau gut und reibungslos verläuft. „Die Stadtwerke werden dafür bis zu 12,8 Millionen in die Hand nehmen. Der Umbau ist somit ein sehr bedeutungsvolles Projekt, das ein solides Fundament für die Zukunft des Copa Ca Backum bildet.“ Thorsten Rattmann verkörpert die gewandelten Anforderungen und erweiterten Aufgaben des Unternehmens. Den Paradigmenwechsel fasst er so zusammen: „Wir sind vom Energielieferanten zusätzlich zum Energiedienstleister und Digitalunterstützer geworden.“ Dass die Stadtwerke in Kooperation mit Gelsennet in den Breitband-Ausbau einsteigen, sei dafür nur ein Stichwort. „Bei aller Komplexität müssen wir in allen Bereichen fit sein und Spitzenleistungen liefern. Dazu tragen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen entscheidenden Teil bei. Die Arbeitswelt in der Energie­branche ist eine andere als noch vor 20 Jahren.“ Zu den Erfolgsgaranten würden auch regionale Kooperationen zählen, etwa Strom- und Wärmelieferung durch die AGR und Vertriebsunterstützung durch die Sparkasse Vest im Kreis Recklinghausen. Nach Rattmanns Worten stünden gegenwärtig der Markt und Wettbewerb im Mittelpunkt der Anstrengungen. „Hierbei sind wir bestrebt, Kunden zu gewinnen und unsere Kundenbeziehungen zu pflegen.“ Das klappt offenbar recht gut: In rund 90 Prozent der Hertener Haushalte vertrauen die Bürgerinnen und Bürger auf die Hertener Stadtwerke.

Text: Michael Polubinski, Fotos: Markus Mucha