Zwei Träume unter einem Dach

Richard Lorisch und Helga Wolf haben das Kaffeehaus Julius Schöngeist und das Theater im Dreieck eröffnet

„Leidenschaft ist das, was Leiden schafft“, sagt Richard Lorisch - und lächelt. So ist das wohl, wenn man sich einen Jugendtraum erfüllt und nicht so genau weiß, worauf man sich einlässt. Seine Liebe zum Haus an der Innenstadt-Kranzplatte hat ihn Geld, Nerven und Zeit gekostet, aber er beharrt: „Ich bereue nichts.“ Leidenschaft eben. An diesem Punkt treffen sich zwei verwandte Seelen: Richard Lorisch und Helga Wolf. Die ausgebildete Postbeamtin sattelte vor Jahren zur Chansonsängerin und Schauspielerin um. „Non, je ne regrette rien“ singt sie in ihrem Piaf-Programm hingebungsvoll. Nein, sie bereut ebenfalls nichts - besonders nicht Lorisch‘s Haus zu bespielen, das inzwischen „Theater im Dreieck“ heißt.

Alles ein bisschen verwirrend? Im Kern geht es um Leidenschaft.

Das Haus Antoniusstraße 27 hat über 120 Jahre eine wechselvolle Geschichte hinter sich gebracht, war innen wie außen abgetakelt. Dann kehrte der gebürtige Hertener Richard Lorisch als Fachanwalt für Insolvenzrecht heim und entdeckte seine alte Liebe zu dem Haus wieder, das früher auf seinem Schulweg zum Gymnasium lag. Er kaufte 2012 und baute ab 2014 um, wollte im Erdgeschoss zur Kranzplatte hin ein Wiener Caféhaus einrichten. Die Geschichte ist stark verkürzt und zunächst kam es sowieso anders. Im Spätherbst 2015 suchten Hertener Frauen ein leerstehendes Ladenlokal. Sie wollten Second-Hand-Kleidung für einen guten Zweck verkaufen. Richard Lorisch stellte seinen gerade frisch renovierten Laden zur Verfügung. Helga Wolf kam zum Stöbern: „Ich liebe Second-Hand-Läden.“ Doch was sie sah, waren nicht nur die Klamotten. Sie sah den dreieckigen Raum mit hohen Decken, stuckverzierten Säulen, großen Fenstern. Da wollte sie singen.

Der Kontakt zu Richard Lorisch war schnell hergestellt. Der Caféhaus-Traum schlummerte ohnehin. Dann lieber ein Experiment: Das „Theater im Dreieck“ war geboren. Schon am 2. Dezember 2015 lud Helga Wolf zur Premiere ein. Theater ohne Sektchen? Das ist wie Suppe ohne Salz. Bewirtung musste her, doch sie klappte mal mehr, mal weniger. Richard Lorisch und Helga Wolf samt Familien fanden sich in den Service ein. Das zweite Experiment wurde gestartet. Wenn keiner seinen Traum-Raum für ein Café pachten wollte, dann kochte der Jurist eben selbst den Kaffee, wenn er nicht gerade bei Gericht war. Das „Caféhaus Julius Schöngeist“ war geboren. Inzwischen gibt es regelmäßige Öffnungszeiten und eine Angestellte.

„Ich habe ja noch einen Beruf“, schmunzelt Lorisch. Ganz langsam spricht sich herum, dass man in der Hertener Innenstadt an einem alten Ort ganz neu genießen kann. Mehr Belebung, die Eigentümergemeinschaften der Innenstadt an einen Tisch bringen, den südlichen Teil der Fußgängerzone Ewaldstraße für Autos öffnen: Lorisch möchte, dass sich schneller etwas bewegt. Am besten sollte es so gut laufen, wie das Theaterprogramm von Helga Wolf. Ob Goethe-Abend oder Lieder von Alexandra. Das intime Theater mit 48 Sitzplätzen ist beliebt. Auch andere Interpreten kommen. 44 Aufführungen hat allein Helga Wolf bestritten. Das Theater kommt ohne Subvention aus.

„Leben kann ich davon allerdings nicht“, sagt Helga Wolf. Das vereint sie wiederum mit dem Caféhaus-Besitzer. Und dann ist es wieder da - dieses ganz große Gefühl, das man für so Vieles braucht. Richard Lorisch stimmt Helga Wolf zu als sie sagt: „Ohne Leidenschaft geht es eben nicht.“

Text: Dagmar Hojtzyk

Foto: André Chrost

Info und Kontakt

Antoniusstraße 27

45699 Herten

Das Kaffeehaus Julius Schöngeist hat Dienstag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr geöffnet.

Die neue Theater-Spielzeit mit Helga Wolf beginnt im September 2017. Nähere Infos auf Facebook: www.facebook.com/Theater-im-Dreieck-859504970815616/